Anlässlich Kanadas 150. Geburtstag und des Jahres der Versöhnung (2017)

In ihrer Ansprache auf der Feier zum Auftakt von Canadas 150. Geburtstag am 31.12.2016 in Victoria betonte Bürgermeisterin Lisa Helps, dass der Geburtstag auch gleichzeitig das Jahr der Versöhnung zwischen Kanadas Erstnationen und den Eroberern darstellt. Sie meinte, dass neben vielen anderen Ereignissen auch Namenänderungen durchgeführt werden sollen. 

Die Stadt Victoria war bisher in dieser Hinsicht eigentlich nicht sehr aktiv. Die vielleicht wichtigste Namenänderung war die von Mount Douglas, der jetzt den Namen Pkols trägt, ausgesprochen [pk‛als], in der Bedeutung „Weißkopf“ (in der Salishsprache SENĆOŦEN; s. das folgende Foto sowie https://en.wikipedia.org/wiki/
Mount_Douglas,_Greater_Victoria
).

Ein anderer Berg, Mount Newton, befindet sich noch im Prozess der offiziellen Namenänderung, obwohl die Nation der Salish den ursprünglichen Namen schon offiziell angenommen hat (http://www.timescolonist.com/news/local/mount-newton-known-as-lau-welnew-to-first-nations-next-on-name-change-list-1.231179).
Der Berg befindet sich auf der Saanich Peninsula (Saanich Halbinsel); der Name ŁÁU,WELNEW, ist schon jetzt der Name einer Salish Oberschule und bedeutet „Zufluchtsort“. Nach der Legende trat der mächtige Fraserfluss vor zehntausend Jahren über seine Ufer und überschwemmte den nördlichen Teil der Saanich Halbinsel, und der einzige Zufluchtsort war der ŁÁU,WELNEW (in der Sprache der SENĆOŦEN, siehe auch http://www.firstvoices.com/en/SENĆOŦEN/story/82d5c07b566d63e6/%C8%BD%C3%81UWEL%E1%B9
%88EW%CC%B1
; zuletzt abgerufen 15.8.17).

Wenn man bedenkt, dass die Stadt Victoria das ursprüngliche Territorium der Nation der Lekwungen eingenommen hat, so würde man erwarten, dass dieses Jahr ein guter Zeitpunkt dafür wäre, einige Namen im Stadtzentrum in die Sprache der Lekwungen abzuändern, zumal die Sprache zur Zeit keine Sprecher hat. In Edmonton in der Provinz Alberta wurde z. B. ein Großteil einer Straße in der Innenstadt in die Sprache der Cree in „MASKÊKOSIHK Fährte“ umbenannt (Cree for „muskeg spruce“, pronounced MASS-KEY-GO-SIH, siehe Foto). Daraufhin gab es in der Bevölkerung einige Klagen darüber, dass diese indigenen Namen so schwer aussprechbar seien: aber bedeutet denn /mass-key-go-sih/ wirklich ein Ausspracheproblem? Wohl kaum.

Man kann in diesem Fall nur William J. Poser (2009:18; Übersetzung G.S.) zustimmen, wenn er schreibt:
Überall in der Welt wird von Emigranten erwartet, dass sie die Sprache ihres neuen Landes erlernen. In Kanada sind nichtindigene in einer derartigen Überzahl gegenüber indigenen Menschen und die Erstnationensprachen sind in ihrer Mehrzahl derart moribund, dass man nicht erwarten kann, dass sie von der großen Mehrheit der nichtindigenen Menschen erlernt werden. Aber man sollte doch erwarten können, dass nichtindigene Menschen einige Wörter der Erstnationensprachen erlernen, wie z. B. die Namen der Sprachen und ihrer Sprecher, sowie einige wichtige Ortsnamen – das wäre doch ein Beweis des Respekts vor den Gastgebern.

Überhaupt scheint dieser Respekt für indigene Sprachen in der Nachbarprovinz Alberta viel größer zu sein als in British Columbia. Das kommt vielleicht auch von der größeren und kompakteren Zahl der indigenen Sprecher in Alberta, während die indigenen Sprecher in British Columbia über ein größeres Territorium und oft in kleineren Gruppen von Seattle nach Vancouver Island und vom Inneren von British Columbia bis an die Grenze im Osten in Alberta verbreitet sind. Zum Beispiel gibt es, beinahe in der Innenstadt von Edmonton, Alberta, auf der Airport Road am jetzt lahmgelegten Stadtflughafen die „AMISKWACIY Academy“ (amiskwaciy bedeutet „Biberhügel“ in Cree) mit ihrem imposanten Cree-Entwurf sowohl auf der Außenseite als auch innen. Die Studenten der Akademie stammen aus Edmonton und Umgebung, aber auch aus Erstnationen- und Métisansiedlungen im kanadischen Westen und den Nordwestterritorien. Die meisten sind Erstnationenstudenten, Métis oder Inuit, aber die Pforten der Akademie sind für Studenten aller Kulturen geöffnet. Unter den Studienfächern befinden sich das Medizinrad sowie CTS-Programme (= Karriere- und Technologiestudienprogramme) wie z. B. Kosmologie, Bautechnik, Ernährungswissenschaft und Modestudien (siehe das Innere der Akademie in https://manascisaac.com/work/amiskwaciy-academy/; zuletzt abgerufen 15.8.17).

In der Provinz British Columbia gibt es in diesem Jahr der Versöhnung ein anderes Problem: Da ist der Richter Matthew Begbie (1819–1894), der sogenannte „hanging judge“ (Henkerrichter), an dessen Namen eine Statue in New Westminster und eine Gedenktafel in Victoria erinnern sowie einige Straßen, die seinen Namen tragen. Der Richter erhielt seinen Beinamen wegen seiner Rolle bei der Hinrichtung von sechs Häuptlingen der Nation der Tsilhqot’in im Jahre 1864. Nun war aber Begbie ansonsten bekannt wegen seiner Sympathie für die Erstnationen, und der Tod durch den Strang war zu seiner Zeit die typische Strafe für harte Verbrechen. Trotzdem ist der Name Begbie in diesem Jahr der Versöhnung wohl kaum zu übersehen, denn das Aufhängen von sechs Häuptlingen muss bestraft werden, und es gibt wohl heutzutage kaum eine härtere Strafe als die Beseitigung der Statue, der Gedenktafel und der Straßennamen.

Zu Ehren des Besuchs in Kanada eines japanischen Würdenträgers namens Fushimi am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der See Pewabiska Lake (ein Ojibwa/Cree-Wort in der Bedeutung „Weißwasser“ oder „Klarwasser“) in Fushimi Lake umbenannt (Leclerc 2015). Weiterhin wurden noch eine Straße zu Fushimi Road, und schließlich der ganze Park zu Fushimi Lake Provincial Park umbenannt. Und da Prinz Fushimi mit der Eisenbahn ganz Kanada vom Osten nach Westen durchquerte, wurde auch noch eine Eisenbahnstation in der Provinz Saskatchewan in Fushimi umbenannt. Letztere wurde allerdings im zweiten Weltkrieg zu Kearney, dem Namen eines Angestellten der Kanada-Pazifischen Eisenbahn, umbenannt, denn Japan befand sich im Krieg auf der falschen Seite (1942). Der neue Name wurde dann am 8.7.1954 offiziell von der Regierung in Saskatchewan anerkannt. Es wäre ja heute unmöglich, einen Erstnationennamen offiziell in den einer fremden Macht umzubenennen, es sei denn spontan durch einen bekannten Forscher wie Dewey Soper (s. unten). Es wird interessant sein zu erfahren, ob die Fushimi-Namen im Osten Kanadas in diesem Jahr der Versöhnung betroffen sein werden. Bis heute sind z. B. Fushimi in Ontario, d. h., die Ortschaft Fushimi in Nord-Ontario, Fushimi Road und Fushimi Lake Provincial Park alle noch nicht durch Namen der Ojibwa/Cree-Erstnationen ersetzt worden.

Sein Respekt für indigene Namen konnte den weitbekannten Erforscher der Arktik in Kanada, Dewey Soper, im frühen 20. Jahrhundert nicht davon abhalten, einen prominenten Gipfel im Fluss, der den Inuit als Kenowaya-Berg bekannt war, aus einer Laune heraus zu Ehren eines Inspektors der Kanadischen Berittenen Polizei namens Joy (‘Freude’), in Joy umzubenennen. Das ist damit schon das zweite Mal, dass in der Toponymie Kanadas ein Erstnationenname durch den Namen eines Würdenträgers (diesmal aus dem fernen Ottawa) ersetzt wurde (Dalton 2010: 202). Vielleicht gelingt es dem Namenausschuss der Inuit, den ursprünglichen Namen wieder einzuführen. Das wäre schon deshalb vorteilhaft, weil der Name Joy schon in unzähligen Orts- und Personennamen in Nordamerika Anwendung gefunden hat.

Wie schwierig es manchmal ist, eine Namensänderung vorzunehmen, selbst wenn der Name mit einem unsäglichen Verbrechen gegenüber einer Erstnation verbunden ist, zeigen die Mühen von John Joe Sark, einem führenden Mitglied des Oberrats der Mi’kmaq-Erstnation im Osten Kanadas, den Namen des Forts Amherst gegenüber dem Ufer der Stadt Charlottetown (Provinz New Brunswick) von dem Namen Amherst zu befreien. John Joe Sark meint, dass der Name dieses britischen Offiziers im 18. Jahrhundert ein Andenken an einen Tyrannen darstellt, der geschworen hatte, die indigene Bevölkerung mit pockendurchtränkten Decken zu infizieren, um diese „abscheuliche“ Rasse auszurotten.

John Joe Sark, dem gerade der Verdienstorden von Prince Edward Island verliehen worden war, gab diesen Orden zurück und betonte, dass falls Parks Canada (das Regierungsorgan u.a. für Namengebung und -änderung) „den Namen nicht ändert, ist die kanadische Regierung eine Komplizin im Aufrechterhalten der Rassenvorurteile von Amherst und seinesgleichen.“ (Zitat von Jake Edmiston, National Post, 13.5.2017). Aber Parks Canada hat sich seit dem Jahre 2008 geweigert, der Forderung von Sark nachzugeben. Das Regierungsorgan schlug stattdessen vor, den entsprechenden Namen in der Sprache der Mi’kmaq dnm offiziellen zweisprachigen (französisch-englischen) Namen Port-la-Joye/Fort Amherst beizufügen. „Nicht akzeptierbar“, sagt Sark, „wir sehen es als eine Beleidigung an, einen Mi’kmaq-Namen Seite an Seite mit dem Namen von General Amherst zu wissen.“ (National Post, 13.5.2017; Übersetzung G.S.; s. auch die indigene Website: http://www.nativeweb.org/pages/legal/amherst/lord_jeff.html, zuletzt abgerufen 15.8.17).

Zum Schluss zwei Beispiele für das mehrfache Umbenennen deutschsprachiger Namen einerseits in der deutschen Toponymie in Deutschland, andererseits der deutschen Toponymie in Kanada. Beide Beispiele sind als Folge nationaler oder internationaler Ereignisse anzusehen, die das Deutschtum zu gewissen Zeiten entweder förderten oder hinderten. Der Autor dieser Zeilen musste unlängst eine Stadtkarte zu Rate zu ziehen, als er die neue Adresse einer Verwandten in Zwickau-Oberhohndorf bekam. Der Name der Straße war ihm unbekannt, aber die Straße war auch nicht auf der Karte der 60er Jahre zu finden. Nur eine Google-Ansicht gab den Namen August-Schlosser-Straße an, die der Autor nur als Ernst-Thälmann-Straße kannte. Eine E-Mail vom Rat der Stadt Zwickau bestätigte, dass die Ernst-Thälmann-Straße umbenannt worden war. Nun war Ernst-Thälmann ja der Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands fast während der gesamten Weimarer Republik. Aber sicher aus lokalpatriotischen Gründen sollte August Schlosser geehrt werden, und man legte im Rat der Stadt Zwickau die Geschichte August Schlossers vor (Winkelhöfer 1968). Und um die Namensgeschichte der Straße komplett zu machen, nannte der Rat die zwei früheren Namen (als ehemaliger Zwickauer konnte sich der Autor aber nicht an sie erinnern): vor der Hitlerzeit hieß die Straße Schulstraße und dann bis 1945 Adolf-Hitler-Straße.

Voriges Jahr hieß es in einem Artikel in der Zeitung „Globe & Mail“, die Zeit sei gekommen, in der das Selbstvertrauen der „germanischen“ Bevölkerung wieder so gewachsen sei, dass man den Namen Kitchener (Ontario) wieder in Berlin zurückbenennen könne (Allemang, John. „Enduring spirit: the rejuvenation of Berlin [Ontario]“, 27.8.2016). Im Jahre 1916 war Berlin wegen des preußischen Militarismus zu Kitchener umbenannt worden. „Am 19.5.1916 gaben an die 3.057 Steuerzahler der Stadt ihre Stimme ab; die Befürworter der Namenänderung gewannen die Abstimmung knapp mit 81 Stimmen“ (Hayes 1999: 136; Übersetzung, G.S). Berlin wurde also am 1.9.1916 zu Kitchener (zu Ehren von Lord Kitchener, der mit einem britischen Kriegsschiff am 5. Juni untergegangen war). Nun ist den Journalisten aber wohl entgangen, dass Kitchener auch ein germanischer Name ist, denn Englisch ist eine germanische Sprache. Dagegen ist Berlin kein germanischer Name, obwohl in der Volksetymologie oft angenommen wird, dass die erste Silbe mit dem Wort „Bär“ verwandt sei, und der Bär ziert ja auch das Berliner Stadtwappen. Aber Berlin ist von einem polabischen (also slavischen) Wort abzuleiten, das soviel wie ‘Sumpf, Sumpfland’ bedeutet.

Vor dem Aufstieg von Berlin (Ontario), Canada, zu Kanadas 18. Stadt in den 1890er Jahren gab es in der Nähe die Stadt Galt, die viel größer und einflussreicher war als Berlin (Hayes 1999: 133f.). Da die Wurzel *galt im Mittelhochdeutschen belegt ist, lag es nahe nachzuforschen, ob in der Gegend um Berlin (Ontario) vielleicht doch ein germanischer Ursprung zu finden ist, der auf Germanisch *galdi zurückgehen könnte, allerdings in der Bedeutung ‘unfruchtbar’ (Kluge 1989: 255). In der Tat wurde Galt im Jahre 1816 gegründet und erbaut von einem Zimmermann deutscher Abstammung aus Pennsylvania namens Absalom Shade und wurde bekannt unter dem Namen Shade’s Mills („Shades Mühlen“). Aber der Ort wurde im Jahre 1827 zu Galt umbenannt, nach John Galt, dem schottischen Romanschriftsteller und Kolonisten. Galt wurde später eingemeindet und und zusammen mit zwei anderen Städten zu der neuen Stadt Cambridge (1973). Hier also endet jeder mögliche germanische Ursprung mit einer unerwarteten gälischen Antwort (https://en.wikipedia.org/wiki/Cambridge,_Ontario#History_of_the_City_of_Galt).

Gunter Schaarschmidt, University of Victoria (gschaar@uvic.ca)

Literaturverweise

Dalton, Anthony (2010): Arctic Naturalist: The Life of J. Dewey Soper. Toronto: Dundurn Press.
Hayes, Geoffrey (1999): „From Berlin to the Trek of Conestoga: A Revisionist Approach to Waterloo County's German Identity“, in: Ontario History 91/2, 131–150.
Kluge, Friedrich (1989): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter.
Leclerc, Richard (2015): „La commémoration toponymique de la visite du prince Hiroyasu Fushimi au Canada en 1907“, in: Onomastica Canadiana 94/1, 35–42.
Poser, William J. (2009): The names of the First Nations languages of British Columbia (www.billposer.org/Papers/bclgnames.pdf).
Winkelhöfer, Gottfried (1968): August Schlosser und der Pulverturm, in: Pulsschlag 13/6, 7–10.