Bekanntlich ist das Königreich Spanien ein Staat mit mehreren offiziellen Sprachen. Neben der Staatssprache Kastilisch (Spanisch: castellano/español) genießen das Katalanische (català), Galicische (galego) und Baskische (euskera) in ihren jeweiligen Verwaltungseinheiten (autonomías) offiziellen Status neben der Staatssprache. Dazu gesellen sich noch weitere Regionalsprachen, die allerdings diesen offiziellen Status nicht besitzen. Die Namengebung (insbesondere die Ortsnamen) entspricht für ganz Spanien offiziell der jeweiligen, historisch gewachsenen Sprachform. Die Namen in Katalonien sind also in ihrer katalanischen Form offiziell (Girona, nicht Gerona, Lleida, nicht Lérida, usw.), in Galicien in ihrer galicischen Form (A Coruña, nicht La Coruña, A Pobra do Caramiñal, nicht Puebla del Caramiñal usw.). Im Baskenland sind wegen der sprachlichen Entfernung offiziell zwei Formen, die baskische und kastilische, üblich (Donostia/San Sebastián, Gasteiz/Vitoria, Iruñ(e)a/Pamplona usw.). Diese Regelung ist in der spanischen Gesetzgebung festgelegt, doch wird sie (meist, aber nicht nur alter Gewohnheit entsprechend) nicht durchgehend respektiert.

Zumindest im offiziellen Kontext ist der richtige Sprachgebrauch Pflicht. Der Gebrauch von Exonymen sollte in Spanien selbst unterbleiben, internationale Traditionen dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst werden. Das ist natürlich ein weites Thema, doch ist die Sensiblisierung inzwischen fortgeschritten, so ist etwa die korrekte katalanische Aussprache von Puigdemont bei deutschen Nachrichtensprechern auffallend. Unsere Partnergesellschaft, die 1999 gegründete Galicische Gesellschaft für Namenforschung (Asociación Galega de Onomástica/AGOn), mit Sitz in Santiago de Compostela, hat auf ihrer jüngsten Mitgliederversammlung Anstoß am Sprachverhalten (des aus Galicien stammenden) spanischen Ministerpräsidenten genommen. In einem weit verbreiteten, persönlichen Twitter-Eintrag hatte er den Ort Sanxenxo in seiner exonymen (früher im spanischen Einheitsstaat üblichen) Form Sangenjo gebraucht. Dieses Versehen (?) darf einer offiziellen Persönlichkeit nicht unterlaufen. Entsprechend ist die Reaktion der AGOn. In einem offiziellen Schreiben an die Bürgerbeauftragte für Galicien (valedora do pobo) heißt es (in freier Übersetzung):

"Die AGOn ist eine kulturelle Vereinigung (mit der Registernummer eines gemeinnützigen Vereins...), der ich vorsitze. Zielsetzung dieser Einrichtung ist die Erforschung der galicischen Onymie, ihre Erhaltung und die Verbreitung dieses so wichtigen Elements für die Identifizierung unserer kultrurellen Erbes.

Am 30.12.2017 schrieb der Präsident der spanischen Regierung in seinem Twitteraccount (@marianorajoy Presidente del Gobierno y del @PPopular) die folgende Mitteilung:  

Sangenjo, Galicien. Wir beenden das Jahr im Kreise der Familie und guter Freunde, ich genieße die Augenblicke in meiner Heimat.   Der Ministerpräsident benutzt Twitter bei vielen Gelegenheiten als Medium, um seine Meinung zu bestimmten Themen kundzutun. Wenn die Botschaft, wie in diesem Fall, mit MR gezeichnet ist, hat er den Text selbst verfasst und nicht seine Mitarbeiter, wie das meist üblich ist. Im konkreten Fall fand diese Botschaft eine weite Verbreitung in den sozialen Medien, wie die vielen dortigen Protestaktionen nahelegen. Die Botschaft wurde als Thema auch den audiovisuellen Medien aufgriffen.

Der spanische Ministerpräsident darf in diesem Amt, und noch weniger als ehemaliger Viziepräsident der Galicischen Landesregierung, in  gegenwärtig gültige Gesetze, in diesem Fall das der sprachlichen Normalisierung (Gesetz 3/1983 vom 15. Juni), nicht ignorieren. Hier heißt es in Artikel 10:  

Die Ortsnamen haben als einzige Form die galicische.  

Die offizielle Benennung von Örtlichkeiten ist nach Königlichem Dekret 1545/2007 im Nationalen Ortsnamenregister (Nomenclátor Xeográfico Nacional) erfasst. Dieses besteht aus dem Nomenclátor Xeográfico Básico de España und dem Nomenclátor Xeográfico jeder der Autonomen Regionen (Comunidades Autónomas). Andererseits bestimmen die Vereinten Nationen (UNO) durch die Expertengruppe für geographische  Namen ((UNGEGN) den Charakter des Kulturerbes der geographischen Namen. Außerdem hat die UNO in ihrem Beschluss II/28 (1978) die Bedeutung der Ortsnamen in den Minderheitensprachen als Bestandteil des sprachlichen Erbes jeder Gemeinschaft anerkannt. Darüber hinaus bestimmt Artikel 3 der Spanischen Verfassung:  

Der Reichtum der verschiedenen sprachlichen Eigenheiten Spaniens ist ein Kulturgut, dem besonderer Respekt und Schutz zukommt.  

Aus diesen Gründen wenden wir uns, auf Beschluss ihrer ordentlichen Mitgliederversammlung am 12.1.2018, an die Bürgerbeauftragte von Galicien , sie möge beim Präsidenten der spanischen Regierung darauf dringen, die galicische Topoymie in ihrer offiziellen Form zu respektieren, so wie es dem Amt, das er ausübt, entspricht."  

Im Übrigen sind die Aktivitäten dieser galicischen Gesellschaft vielfältig. Zu betonen ist die enge Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen (insbesondere dem Instituto da Lingua Galega/Universität Santiago de Compostela und der Real Academia Galega). Neben der Beteiligung an der Aufnahme und "Galegisierung" der Toponymie aufgrund der historischen Überlieferung stehen vor allem auch die Familiennamen im Mittelpunkt (wichtig die Frequenzen und automatische Kartierung: ilg.usc.es/cag/; selbstverständlich verfügt man auch in Spanien, im Gegensatz zu Deutschland, über Daten zur Gesamtbevölkerung).

Im größeren Zusammenhang ist es interessant, namenkundliche Gesellschaften zu kennen und einen entsprechenden Austausch zu pflegen. Im deutschsprachigen Raum ist die Deutsche Gesellschaft für Namenforschung (mit ihrer Zeitschrift Namenkundliche Informationen/NI) die einzige Einrichtung dieser Art. Im Kontext der romanischen Sprachen sind in Spanien neben der AGOn das Baskische (onomastika elkartea~Sociedad Vasca de Onomástica / Société Basque d'Onomastique, https://onomastika.org/) und vor allem Katalonien entsprechend organisiert (Societat d'Onomastica/SdO, https://www.onomastica.cat/, mit der Zeitschrift Butlletí Interior: http://www.raco.cat/index.php/BISO/index). In Frankreich gibt es die ehrwürdige Société française d'Onomastique/SFO (http://www.sfo-onomastique.fr/) mit ihrer Zeitschrift Nouvelle Revue d'Onomastique/NRO. In Italien identifiziert sich die Namenforschung inbesondere auch über die Zeitschrift Rivista Italiana di Onomastica/RIOn (vgl. http://www.gfn.name/forschung/schriftenreihen/rivista-italiana-di-onomastica/). Die Idee einer allgemein romanischen namenkundlichen Gesellschaft wurde im Rahmen des PatRom-Projekts mehrfach andiskutiert, doch wegen des erheblichen Aufwandes nicht weiter verfolgt.