Im Kontext der bevorstehenden 725-Jahrfeier der Stadtgründung von Adorf im Vogtland wandte sich Herr Gottfried Stark an mich mit der Anfrage, ob der Name der Ortslage Mehlthau in Adorf slawischen Ursprungs sein könnte, wie verschiedentlich vermutet worden sei. Mehlthau ist heute der Name einer Straße in Adorf. Als eigenes Stichwort ist der Name weder in Die Ortsnamen des sächsischen Vogtlandes von Eichler, Hellfritzsch und Richter noch in HONSa verzeichnet, und man findet dort selbst einen Verweis nicht. Als historischer Beleg 1581 Melthau zu Mehltheuer I (Eichler/Hellfritzsch/Richter 1983, 54–55) bzw. 1Mehltheuer (HONSa II, 22) gestellt, wird der Name in Eichler/Hellfritzsch/Richter gar nicht beachtet, während der Beleg von 1581 in HONSa (II, 22) als gelegentliche (!) Eindeutung von Mehltau ›schimmelartiger weißer Überzug auf Pflanzenblättern‹, älter vorwiegend ›braunroter Pilzüberzug an Getreide‹ interpretiert wird. Das Fortleben des Namens als Straßenname findet hier wie da keine Erwähnung. Die Frage nach einem eventuellen slawischen Ursprung von Mehlthau bzw. Mehltheuer wird nicht aufgegriffen. Diese Frage kann auf den ersten Blick auch ganz abwegig erscheinen, wenn man beachtet, daß der Ortsname Mehltheuer, dem Mehlthau zugeordnet ist, nicht nur die eine (ehemalige) Siedlung bezeichnet, sondern als Name von vier weiteren Orten in Sachsen erscheint, und die betreffenden Namenbezeugungen betrachtet. Hier die Belege in Auswahl (nach HONSa, vollständig für 1Mehltheuer, durchweg unter Weglassung der Quellenangaben): 1Mehltheuer, ehemalige Siedlung sö. Adorf, in Stadt Adorf aufgegangen, ...: 1318 zu der Melteure; 1319 K [= Kopie] in villa quam Melthure nuncupatur; 1328 czu der Meltewer; 1383 Mulner vs der Meltewer; 1445 in der Meltewr; 1579 Melteuher, 3 gr denn Melteuernn, 20 pf den Altensteter; 1581 in der Melthau; 1582 In der Melter; 1605 inn der Meeltaur; 1647 in der Mehltheyer. – Dialektal: [tɛ mɛltə]  (Anm.1). — 2Mehltheuer/obersorbisch Lubjenc, Dorf sö. Bautzen ...: 1370 ff. Wilricus, Wilrich de Lubnz; 1529 Melthewer; 1562 Maltteyer; ... – Dialektal (deutsch): [ʹmɛ:ltɔɛ̯ɔʀ̯]. — (…) 3Mehltheuer, Dorf nw. Plauen: 1418 die Meltern, wuste guter auf der Meltewer; ...; 1478 Melthewer; ... – Dialektal: [ʹme:ltaɛ̯ɔʀ̯]. — 4Mehltheuer, Dorf s. Riesa ...: 1264 Nuendorph; ...; 1424 Meltewer; ...; 1501 Mehltheuer oder Nawendorff; ... – Dialektal: [ʹma:ltɔʀ̯]. — („5Mehltheuer“Malter, Dorf n. Dippoldiswalde: 1501 Meltewr; [um 1503] Meltern; 1503 Malter; ...; 1555/56 Melthewer; ... – Dialektal: [ʹmaltɔʀ̯]. In allen fünf Fällen handelt es sich um ein Kompositum aus Mehl (mittelhochdeutsch mel) und teur(e) (Femininum), (althochdeutsch tiuri, mittelhochdeutsch tiure), ›(hoher) Preis; Teuerung‹ (Anm. 2) – also: (dieMehlteu(e)r(e) – welches ›Mehlteuerung, hoher Mehlpreis‹ bedeutete und als Ortsname ursprünglich eine Siedlung meinte, wo schlechte Bedingungen für den Getreideanbau gegeben waren. Die Orte werden als späte Ausbausiedlungen auf ungünstigen Böden charakterisiert (HONSa II, 22). Zwei der Orte, 2Mehltheuer  und 4Mehltheuer, trugen ursprünglich einen anderen Namen, darunter 2Mehltheuer interessanterweise einen gut belegten altobersorbischen, der sich bis in die Gegenwart als neuobersorbischer erhalten hat.

Im Falle von 1Mehltheuer erscheint die Dialektform bemerkenswert. Die Form [mɛltə] unterscheidet sich sehr deutlich von den Mundartformen der anderen Orte, indem der Vokal der ersten Silbe (des Erstgliedes des Kompositums) kurz und offen und das Zweitglied (scheinbar) seiner Grundsubstanz verlustig gegangen ist. Eichler/Hellfritzsch/Richter (II, 48) führen „melde“ zu Mehltheuer (I) schlicht unter „Verlusten bzw. Veränderungen der Quantität und Qualität der verschiedensten Art“, zu denen es in „Silben, die nicht den Hauptton tragen,“ kommt. Eine spezielle Erklärung wird nicht versucht, und es wird insbesondere keine Beziehung zu der Namensform Meltau (bzw. Mehlthau – diese, d. h. der Straßenname, wird in der gesamten Arbeit nicht erwähnt) gesehen. Man braucht nun nur den Namen Meltau wie einen gewöhnlichen Ortsnamen auf -au zu betrachten und die irreführende Graphie „Melde“ in Melte zu „übersetzen“ (vgl Anmerkung 1), um dann in diesem Melte ([mɛltə]) entweder dessen Ursprung und in der -au-Form die hyperkorrekte Kanzleikorrektur oder aber umgekehrt die dialektale Endsilbenreduzierung eines korrekten -au-Namens zu erblicken. Ist dies nicht vielleicht ein von Mehltheuer unabhängiger, womöglich diesem vorangegangener Ortsname, womöglich ein Name slawischen Ursprungs? Das Konsonantengerüst von Meltau/Melte entspricht dem einer in nicht wenigen slawischen Toponymen figurierenden Basis: der der Kurznamen *Milota und *Milęta. In Meltewitz, dem Namen eines Dorfes und zweier Wüstungen in Sachsen (HONSa II, 26–27.), aus ursorbisch *Milotowici oder *Milętowici, ›Siedlung der Leute des M. [s. o.]‹, könnte man passende Vergleichsnamen für Meltau/Melte sehen, indem diese auf späturslawisch *Milotowъ oder *Milętowъ, dann altsorbisch *Miłotow oder *Miľatow zurückgehen könnten, eingedeutscht ursprünglich zu *Mel(e)tow. *Milota und *Milęta sind Kurznamen zu solchen alten slawischen zweigliedrigen Personennamen wie *Milotěchъ.

Dem steht jedoch zunächst – kaum außer Acht zu lassen – der Umstand entgegen, daß eine dialektale Senkung ie, wie sie im Falle von Meltewitz angenommen wird (HONSa II, 26.) und anzunehmen ist, im vogtländischen Dialekt außer vor /r/ und vielleicht in extra zu begründenden Sonderfällen nicht auftritt (Eichler/Hellfritzsch/Richter II, 51). Senkung muß nicht (und kann eben wohl nicht) angenommen werden, und dennoch bleibt überraschenderweise die oben benannte Herleitung im Resultat gültig: Der Schlüssel der Lösung liegt in der Geschichte der Appellative Mehltau und Meltau: Diese heute nur orthographisch unterschiedenen Wörter offenbar gleichen Ursprungs gehen auf althochdeutsch militou, mittelhochdeutsch miltou zurück. „Seit dem 15. Jahrhundert erfolgt unter volksetymologischer Anlehnung an Mehl  ... Umbildung zu Meltau, Mehltau.“ (EWD II, 1083–1084) Das bedeutet für unseren Ortsnamen, daß sehr wohl eine Eindeutung dieses deutschen Appellativs passierte; nur nicht eine „gelegentliche“ (etwa 1581), sondern eine mit dauerhafter Wirkung, und zwar zu einem (nicht genauer zu bestimmenden) Zeitpunkt, bevor das deutsche Appellativum Miltau zu Mehltau umgedeutet wurde.  Die primäre Eindeutschung *Mil(e)tow des altsorbischen *Miłotow oder *Miľatow, nach Wegfall der unbetonten zweiten Silbe als *Miltow bzw. (→) Miltau lautlich identisch mit dem deutschen Appellativum, wurde zusammen mit selbigem zu Meltau. Dies wurde natürlich durch den Namen Mehltheuer begünstigt. Meltau (→ Mehlthau) hielt sich in dieser wie auch in der Form mit reduzierter Endsilbe neben dem offenbar offiziöseren Neunamen Mehltheuer. Die Belege von 1582 und 1605 lassen die Unsicherheit erkennen, wie der Ort richtig hieße. Der Neuname wird in seiner ursprünglichen Struktur und Bedeutung schon nicht mehr verstanden, sondern als Ableitung von dem anderen, dem älteren, dem aus dem Volksmund, aufgefaßt; dabei wird der Name als Bewohnerbezeichnung einmal von der volkstümlichen Form *Melte, <Melter>, das andere Mal von der korrekteren *Meltau, <Meeltaur>, gebildet.

Dieses *Milotowъ oder *Milętowъ, auf das der heutige Straßenname Mehlthau in Adorf weist, ein possessivischer Name der Bedeutung ›Siedlung des *Milota oder *Milęta‹, wäre nun gewiß älter nicht nur als die Ausbausiedlung Mehltheuer, sondern auch älter als die Stadt Adorf, welcher in dem Eintrag von 1579 hinwiederum Mehltheuer als die jüngere Siedlung gegenübergestellt wurde (vgl. HONSa II, 22). Es gesellt sich zu dem nur 5 Kilometer entfernten Leubetha (ebenfalls aus einem ursorbischen  Possessivum: *Ľubętinъ oder *Ľubotinъ ›Siedlung des *Ľubęta oder *Ľubota‹) und fünf weiteren Orten des Vogtlandes, die von slawischen Kurznamen auf *-ota oder *-ęta abgeleitet sind: Fasendorf (Mischname ›Dorf des *Božęta), Mißlareuth (Mischname ›Rodungssiedlung des *Myslota), Schloditz (*Slawotici oder *Slawętici), Taltitz (*Dalętici) und Tobertitz (*Dobrotici) (Vgl. Eichler/Hellfritzsch/Richter II, 66; ferner in HONSa unter den entsprechenden Stichwörtern). Vergleichsnamen solcher Struktur finden sich reichlich auch im übrigen altsorbischen sowie im tschechischen und polnischen Bereich. 


Anmerkungen:

1: Bei der phonetischen Transkription der Form weiche ich von HONSa (II, 22–23) ab (dort steht zu  1Mehltheuer „Mda. dę męldə“), insbesondere bzgl. dessen, daß b, d, g als phonetische Zeichen den stimmhaften Konsonanten vorbehalten bleiben sollten, im Deutschen aber wie fast allgemein jedenfalls in der interessierenden Region die entsprechenden Laute seit der binnendeutschen Konsonantenschwächung nicht stimmhaft gesprochen werden, und andererseits in der Transkription deutlich sein sollte, daß die deutschen stimmlosen Lenes mit den entsprechenden slawischen Stimmlosen in der Regel lautlich identisch sind. 

2: Vgl. die Beispiele aus Dem Digitalen Grimm zum Stichwort theure (aus unterschiedlichen Zeiten): (1) den druck den die theure der lebensmittel auf die untern klassen ausübt. (2) do ist gemacht worden ein groszer mechtiger hunger und thüry in dem selben land.


Literatur:

Der Digitale Grimm = Deutsches Wörterbuch, elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung von Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm, Zweitausendeins, 2004.

Eichler/Hellfritzsch/Richter = Eichler, E.; Hellfritzsch, V. und Richter, E.: Die Ortsnamen des sächsischen Vogtlandes I, II (Museumsreihe Plauen, Heft 50, 53). Plauen 1983, 1985.

EWD = Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache/erarb. von einem Autorenkollektiv des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer, Akademie-Verlag, Berlin 1989.

HONSa = Eichler, Ernst; Walther, Hans (Hg.): Historisches Ortsnamenverzeichnis von Sachsen. Bd. I–III. Berlin 2001.


Adresse des Autors:

Prof. Dr. Bernd Koenitz, Stötteritzer Str. 77, 04317 Leipzig (bernd_koenitz@gmx.de)