1. Es nähert sich das Fest des Hl. Martin (11.11.). Abgesehen von zahlreichen Traditionen, die mit ihm im Zusammenhang stehen, interessiert eine „Namenerklärung“. Die etymologische Zuordnung ist einfach: Ausgangspunkt ist der römische Kriegsgott Mars, Martis. Üblicherweise wird der Name als Ableitung  mit dem Zugehörigkeitssuffix -?nus ‘zum Kriegsgott Mars gehörig’, als Namenbedeutung also etwa ‘kriegerisch’ gedeutet. Vielleicht kommt als Ausgangwort auch der Monatsname lateinisch (mensem) martium ‘März’ in Frage, in Rom erster Monat des Jahres, also etwa ‘der im März Geborene’ (Monatsnamen wurden oft als Vornamen vergeben: Ianuarius, Aprilis, December u.a.). Jedenfalls ist der Name erst durch die Namenträger „christlich“ geworden. Komplizierter wird es mit den Namensvorbildern (der Nachbenennung) und vor allem beim Versuch, die Namen und zahllosen Namenvarianten zeitlich und räumlich zu fassen. Martin ist ein christlich-abendländlicher Vorname (und Familienname) par excellence, man müsste ein dickes Buch dazu schreiben. Hier nur einige Stichworte zum romanischen Kontext und einige ausgewählte Daten.

El Greco "Der heilige Martin und der Bettler" (Bildnachweis, s.u.)

Der lateinische Taufname Martin(us) ist hauptsächlich mit dem Hl. Martin von Tours (4. Jahrhundert) zu verbinden. Über seine Bedeutung als Missionar, Klostergründer und Schutzheiliger des Frankenreiches und in Verbindung mit verschiedenen Wundertaten wurde er rasch zum volkstümlichen Heiligen im gesamten europäischen Kontext. Unter weiteren Heiligen dieses Namens ist insbesondere Martinus von Dume, Erzbischof von Braga/Portugal (6. Jahrhundert), als Bekehrer der arianischen Sueven zumindest von regionaler Bedeutung; im übrigen stammen beide Heiligen aus Pannonien (Ungarn).Vom Frankenreich ausstrahlend verbreitete sich die Namenmode, Martin ist neben den Apostelnamen Petrus und Johannes vielleicht der beliebteste Name des Mittelalters. Als Patron zahlreicher Berufe (Soldaten, Schneider, Winzer, Bettler) war er im Bewusstsein der Menschen präsent. Entsprechend zahlreich sind auch die übertragenen (deonymischen) Wörter gerade in den romanischen Sprachen: Säugetiere, Vögel, Wassertiere, Insekten, Botanik und technische Geräte sind mit martin- gebildet. Insbesondere der Martinstag war sehr populär als Markttag und Winterbeginn mit verschiedenen Traditionen (Feuer, Umzüge, erster Wein u.ä.). Gleichzeitig war dieser Tag ein wichtiger Zinstag (Abgaben, Verträge), die ebenfalls in Familiennamen Niederschlag finden (etwa Martinage, Martinache in Frankreich).

Einen Einschnitt in der deutschen Namengebung bedeutet die Reformation mit Martin Luther. Dessen Vorname steht in der abendländischen, christlichen Tradition ebenso wie die noch heute sehr zahlreichen nach einem Heiligen oder der Gottesmutter benannten Kirchen. Durch die Nähe seines Geburtstages (10.11.1483) zum Martinstag (11.11.) – vermutlich wurde er aus diesem Grund mit diesem Namen getauft – erfuhr der Name in protestantischen Gegenden eine zusätzliche Konnotation.

Die Heiligenverehrung zeigt sich in zahllosen Kirchenpatrozinien, die wiederum als Ausgangspunkt für Familiennamen dienen konnten, so etwa in Saint-Martin und Saint-Marty in Frankreich oder Sanmartino (3.188)/Sanmartino (446), Sammartin (149)/Sanmartin (139), Sammartini (106)/Sanmartini (53) in Italien. Für die Iberische Halbinsel sind die zahlreichen „Besitzerortsnamen“ charakteristisch, die sich als genitivische Bildungen [villa] Martini vor allem im NW konzentrieren (galicisch Martín, portugiesisch Martim), oder im Laufe der Reconquista als Namenübertragung Besitzername > Ortsname wie Martinamor, Martín Caro, Martín Malo, Martín Ibáñez, Martín Muñoz, Los Martínez u.a. in Spanien oder Martim Branco, Martim Longo, Martim Filho, Martim Tirado, Martim Moleiro, Martim Joanes u.a. in Portugal bestimmte Landstriche auszeichnen. 

2. In Frankreich ist der Vorname Martin das häufigste Patronym. Zwischen 1891 und 1990 wurden 228.857 Personen mit diesem Familiennamen geboren, hinzu kommt die katalanische Variante Marty bzw. Marti mit insgesamt 30.442 Personen. Allerdings sind gerade bei den französischen Patronymen die sehr zahlreichen Ableitungsvarianten mitzuzählen. Für Martin sind dies insbesondere Martineau (Martinellus) mit 13.882 Belegen und Martinet (11.892). Hierzu gibt es weitere graphische und morphologische Varianten: Martin-at,- ez, -ay, -ot, -od, -aud, -on, -ou u.a.m.
Insbesondere bei den patronymischen Familiennamen ist Italien in seinem Variantenreichtum unübertroffen, entsprechend kompliziert gestaltet sich eine Darstellung. Die über 110 verschiedenen Formen sind bestimmten, immer wiederkehrenden Bildungsmustern zuzuordnen, etwa Typ Martino, Martini, De Martino, De Martinis mit den jeweiligen regionalen Varianten und vor allem zahlreichen Ableitungen; hinzu kommen Namenzusammensetzungen des Typs Mastromartino oder Giammartino. Die folgende (unvollständige) Übersicht mag die Situation illustrieren. Alle Zahlenangaben nach PatRom, auf Angabe der regionalen Verbreitung wird, ebenso wie auf eine sprachlich-morphologische Interpretation, verzichtet:

Martino (33.296), Martin (7.331)
Matini (40.569)
Martinis (1.045)

De Martino (15.067), De Martin (2.191), Demartin (132), Di Martino (19.064)
De Martini (1.845), Demartini (1.284), Di Martini (22)
De Martinis (906), Demartinis (20), Di Martinis (14)
Martinez (2.301), Martines (2.098), De Martines (23) [entspricht spanisch Martínez]
Martinacci (25)
Martinalo (19), Martinale (34), Martinalli (187), Martinali (11)
Martinasco (61)
Martinasso (333)
Martinatto (135), Martinato (508), Martinat (142), Martinatti (100)
Martinazzo (486), Martinaz (5), Martinazzi (584); Martinazzoli (499)
Martincic (22), Martincich (106), Martincig (24), Martincigh (95) [mit slovenischen Suffix]
Martinello (3.046), Martiniello (1.532), Martinel (100), Martinelli (39.787)
Martinengo (1.541), Martinenghi (804)
Martinese (342), Martinesi (21), Martinisi (394)
Martinetto (1.079), Martinet (294), Martinetti (2.148)
Martinicco (7), Martinico (752)
Martinicchio (70)
Martinolo (5), Martinoli (1.655), Martinolli (150); Martinolini (17)
Martinon (20), Martinone (36), Martinoni (457)
Martinotto (59), Martinotti (1.999)
Martinozzi (223)
Martinuzzo (181), Martinuz (120), Martinuzzi (1.377), Martinucci (1.213)

Belmartino (25) [mit bello ‘schön’]
Bonmartini (47), Bommartini (147) [mit buono ‘gut’]

Mastromartino (194) [mastro = magister]
Frammartino (255) [Fra = frate]
Giammartino (108), Iammartino (33), Zammartino (63), Giammartini (44), Zammartini (63); Vannimartini (74) [mit Giovanni ‘Hans’]
Meommartino (49), Meomartini (89) [mit Meo, Kurzform von Bartolomeo]
Martinangelo (72), Martinangeli (243) [mit Angelo]

Die weibliche Entsprechung ist in den italienischen Familiennamen gut nachgewiesen. Bei der einfachen Namennennung ist aber auch ein Herkunftsname ‘aus dem Ort Martina [insbesondere Martina Franca, Taranto]’ wahrscheinlich:

Martina (7.372)
Martine (24)
De Martina (20), Demartina (5)
Di Martina (122), Dimartina (63)
La Martina (358), Lamartina (61)
Della Martina (65)
Martinaglia (17), Martinaggia (20)
Martinella (229)
Martinicca (37), Martinica (7)
Martinicchia (8)
Martinotta (147)

Ein Sonderfall ist natürlich das als typisch italienisch empfundene Martini. Der entsprechende Familienname ist in Deutschland auffallend weit verbreitet, es kann sich nicht immer um Italiener handeln. Wir haben es mit einer typischen Latinisierung des 16. Jahrhunderts zu tun: Martini entspricht dem Genitiv von Martin und damit dem deutschen Martens, Mertens usw.

In Spanien ist Martín die normale Vornamenform, im Portugiesischen Martim bzw. Martinho. Bei einer Zählung in den Familiennamen Spaniens ist die Struktur der Namen zu beachten: Man trägt (zumindest) zwei Namen, der erste ist der Vatersname (dieser wird alphabetisiert), der zweite der Muttername. Hauptvertreter sind die einfache Namenform Martín (493.329+490.606 Namenträger = insgesamt 983.935 Namen) und vor allem die patronymische Variante (das Suffix -ez ist niemals betont, es wird ausschließlich an Vornamen angehängt) Martínez (840.420+844.150 = insgesamt 1.684.570 Namen). Hinzu kommen als wichtigste regionalsprachliche Varianten katalanisch Martí (37.418+35.791 = insgesamt 73.209 Namen) und galicisch Martiño. Daneben gibt es weitere Formen wie katalanisch Martinell oder baskisch Martinena, Martirena u.a. Auch die weibliche Form Martina, galicisch Martiña ist in den Familiennamen vertreten. Die Namenstruktur aus zwei (bis vier) Familiennamen findet sich auch in Portugal, nur ist die Reihenfolge umgekehrt, der letzte Name ist immer der (alphabetisierte) Vatersname. Hier ist Martins ebenfalls einer der häufigsten Familiennamen.

3. Diese Namennotizen im GfN-Blog betonen den romanistischen Aspekt, d.h. Namen aus dem Bereich der aus dem Lateinischen hervorgegangenen Sprachen, insbesondere die Weltsprachen Spanisch, Portugiesisch, Französisch und Italienisch. Zu Namen aus dem nichtdeutschen und dem slavischen Bereich fehlt mir die Kompetenz. Viele, oft auch statistische Informationen können dem Internet entnommen werden, bei wissenschaftlichen Nameninterpretationen sollte man jedoch eine gewisse Zurückhaltung üben. Für diese statistischen Informationen (Namenfrequenz, Namenverbreitung) stehen im romanischen Umfeld eine Reihe wichtiger und zuverlässiger Quellen zur Verfügung, deren Quantität (Gesamtbewohner, nicht nur Telefonverzeichnisse) und auch Qualität überraschend sein können. Aus urheberrechtlichen Gründen wird hier auf Reproduktionen verzichtet. Doch kann sich jeder Interessierte ein persönliches Bild machen und Fakten überprüfen. Ich nenne hier nur die beiden wichtigsten:

Frankreich (Geburten zwischen 1891/1915, 1916/1940, 1941/1965, 1966/1990, mit kartographischer Darstellung):  http://www.geopatronyme.com/

Spanien (Nationales Statistikamt, nach Geburten oder Wohnsitz, mit regionaler Verteilung): http://www.ine.es/apellidos/formGeneralresult.do?L=0&vista=1&orig=ine&cmb3=99&cmb6=altaner&x=8&y=9

Für Italien ist ein erster Eindruck über http://www.gens.info/italia/it/turismo-viaggi-e-tradizioni-italia möglich. Präzisere Angaben zur Frequenz und Verbreitung innerhalb des sehr komplexen italienischen Sprachraums ist nur intern über die PatRom-Materialien (Daten des italienischen Finanzministeriums) möglich, doch sind Frequenz und Verbreitung der Familiennamen in vorbildlicher Weise von Enzo Caffarelli in der Zeitschrift RIOn behandelt worden (Basis: Telefonverzeichnisse). Eine Art weißer Fleck ist leider Portugal (Ausgangspunkt für Brasilien), die abnehmenden Telefondaten sind nur für Abonnenten in einem komplizierten und unbefriedigendem Verfahren zugänglich. Für alle Interessenten ist natürlich die Datenbank der Mormonen (https://familysearch.org/) von unschätzbarem Wert.

Aus der großen Zahl von Namenbüchern sind die für Italien hervorzuheben:
DCI = Caffarelli, Enzo / Marcato, Carla: I cognomi d’Italia. Dizionario storico ed etimologico, 2 vol., Torino: UTET 2008
NPI = Rossebastiano, Alda / Papa, Elena: I nomi di persona in Italia. Dizionario storico ed etimologico, 2 vol. Torino: UTET 2005

Für Frankreich/Belgien sind zum Nachschlagen nützlich:
DENF = Morlet, Marie-Thérèse: Dictionnaire étymologique des noms de famille, Paris: Perrin 1991
DNFW = Germain, Jean / Herbillon. Jules: Dictionnaire des noms de famille en Wallonie et à Bruxelles: Racine 2007.

Für Spanien:
DAE = Faure, Roberto / Ribes, María Asunción / García, Antonio: Diccionario de apellidos españoles, Madrid: Espasa 2001

Für Portugal:
DOELP = Machado, José Pedro: Dicionário onomástico etimológico, 3 Bde., Lisboa: Confluência [1984]

Von Nutzen ist auch:
DAFN = Hanks, Patrick: Dictionary of American Familiy Names, 3 Bde., Oxford: University Press 2003

Wer sich über die Namengebung/Namenforschung in den Einzelsprachen der Romania insgesamt informieren möchte, greift am besten zu den entsprechenden Beiträgen im

LRL =  Holtus, Günter / Metzeltin, Michael / Schmitt, Christian (Hg.): Lexikon der romanistischen Linguistik, 8 Bde., Tübingen: Niemeyer 1988/2005

oder (es handelt sich um ein historisches Namenbuch zu Namen, die in zumindest zwei der großen Sprachräume häufiger begegnen):

PatRom = Cano González, Ana María / Germain, Jean / Kremer, Dieter (Hg.): Dictionaire historique de l’anthroponymie romane, Bd. I, Tübingen: Niemeyer 2007-

Bildnachweis

Der heilige Martin und der Bettler, El Greco, 1597/99, National Gallery of Art, Washington D.C.
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