Am Tag des Hl. Martin blickt man gerne auf die Namenfamilie Martinus (dazu z.B. der Blog vom 7.11.2013) oder auf die ihm zugeschriebenen Attribute wie Mantel oder Gans – zur Laterne weiter unten. Dabei übersieht man, was leicht erklärlich ist, einen wichtigen lexikalischen Zusammenhang: Kapelle (und die davon abgeleiteten Formen wie Kaplan oder Kapelle 'Musikkapelle') gehen letztlich auf den Hl. Martin zurück.

In der Tat ist cappella ein Deminutiv von lat. cappa, eigentlich 'Kopfbedeckung; Mantel mit Kapuze' (zu dieser Wortfamilie auch dt. Kappe oder Kapuze). Es diente als Bezeichnung für den Mantel des Hl. Martin, der im 7. Jahrhundert in den königlichen Reliquienschatz übernommen wurde, über den eine Kapelle errichtet wurde (in oraturio nostro, super capella domni Martine a.679). Nachahmend entstanden zahlreiche kleine Kirchen, die über eine Reliquie des Hl. Martin zu verfügen glaubten, woraus sich schließlich die allgemeine lexikalische Bedeutung 'kleines Gotteshaus' entwickelte (dt. Kapelle, frz. chapelle, span. capilla, port. capela, it. cappella). Aus diesem Lexem wiederum entstanden Bildungen wie cappellanus, ursprünglich 'Hüter der Reliquie', dann mit komplexen semantischen Entwicklungen.

Die Traditionen und Bräuche des Martinsfestes sind zahlreich und überall vergleichbar. Wichtig sind insbesondere Armenspeisen wie u.a. die Martinsbrezel, der (rheinische) Düppekooche, und das (polnische) Martinshörnchen (nicht zu verwechseln mit Martinshorn nach der Herstellerfirma!) oder aber Traditionen, die sich um den jungen Wein und Esskastanien ranken oder als bedeutendes Datum im Ablauf der Jahresrhythmen und schließlich als „Beginn“ des Karnevals; es ist möglich, dass sie in irgendeiner Weise Eingang in die Namengebung gefunden haben.

Als Hauptzubehör der Martinsumzüge gelten aber das Martinsfeuer und natürlich die Laterne. Erstaunlicherweise ist Laterne in den aktuellen Familiennamen offenbar weder in Deutschland, noch Frankreich, noch Italien, noch Spanien nachgewiesen. Allerdings nennt die Datenbank der Mormonen die eindeutig aus Italien oder aus Frankreich stammenden Namen Laterna und Laterne (mit der Variante La Terne). Hier kommt die Wortetymologie mit ins Spiel. Laterne geht letztlich zurück auf Griechisch lamptēr (zu lámpein 'leuchten, glänzen, strahlen ', in diesem Zusammenhang auch dt. Lampe und Lampion, die jedoch über das Französische vermittelt wurden). Die normale romanische Form lautet lanterna bzw. lanterne (vgl. englisch lantern). Und die findet sich in französischen und italienischen Familiennamen: französisch Lanterne (zwischen 1891/1900 insgesamt 305 Geburten mit dem Schwerpunkt in der Dordogne; etwas häufiger ist die Berufsbezeichnung Lanternier ‚Laternenmacher‘ mit 634 Belegen, mit zwei unterschiedlichen Schwerpunkten in den Pyrénées Orientales und in der Haute Savoie) und italienisch Lanterna (416 Steuerpflichtige, mit Schwerpunkt in Pavia, Mailand und Perugia. Dazu die Varianten/Ableitungen Lanterni 41 (Lazio, Abruzzo), Lanternone 43 (Campania), Lanternino 8/Lanternini 17 (Arezzo), Lanternelli 11 (Piacenza) sowie Lanternari 95 (Roma, Ancona)). Doch müssen diese Namen keineswegs mit Martinsbräuchen im Zusammenhang stehen.