Quelle der Graphik: www.geopatronyme.com


Der Name des zukünftigen Präsidenten der Republik Frankreich, Émmanuel (Jean-Michel Frédéric) Macron, ist im Prinzip leicht lokalisierbar und interpretierbar. Da Namen oft nicht als "durchsichtig" wahrgenommen werden, ist es denkbar, dass auch Franzosen mit diesem Namen spontan wenig anfangen können. Dem scheidenden Präsidenten François Hollande wird nachgesagt, er habe seinem Ex-Minister den Spitznamen "Macaron" (= Makrone) gegeben, das liegt zwar lautlich nahe, ist aber etymologisch abwegig, ebenso eine Verbindung mit als Beinamen gut belegtem italienischen Maccherone, französisch macaroni (1).

Der Familienname Macron, deutlich eine kontrahierte Variante von Ma(c)queron, ist in Nordfrankreich beheimatet und charakteristisch für die Picardie. Zwischen 1891 und 1990 wurden in Frankreich insgesamt 801 Personen namens Macron, 162 mit dem Namen Macqueron und 24 mit Maqueron geboren. Im Département de la Somme - mit der Hauptstadt Amiens, woher der neue Präsident stammt, und allgemein bekannt durch eine der größten Schlachten des Ersten Weltkrieges (Schlacht an der Somme, 1916) - gab es nicht weniger als 224 Geburten namens Macron und 55 Macqueron. Im benachbarten Département Pas-de-Calais sind für Macron 202 Geburten verzeichnet. Die geographische Lage im Grenzgebiet zum flämischsprachigen Teil Belgiens und sprachgeschichtliche Kriterien machen eine germanische (niederländische) Herkunft des Wortes/Namens wahrscheinlich. Doch ist die Bedeutungsgeschichte komplex.

Ausgangspunkt ist offensichtlich altfranzösisch maquerel in den Bedeutungen (altpikardisch) "Makler", (altfranzösisch) "Zuhälter, Kuppler" und "Makrele" (scomber scomber). Die Herkunft aus dem mittelniederländischen makelâre "Makler" (wohl zu maken "Geschäfte vermitteln") scheint gesichert, mit Eindeutung des sehr häufigen Doppelsuffixes -erel. Das Wort wurde als Handelbezeichnung Makler ebenso als Fischbezeichnung Makrele auch ins Mittelhochdeutsche entlehnt. Maquerau ist in allen Bedeutungen in altfranzösischer Zeit seit Anfang des 13. Jahrhunderts belegt, wobei die Hauptbedeutung überwiegt, die heute noch im Französischen maquerau "Zuhälter" geläufig ist. Morphologisch hat alles seine Richtigkeit, in Namen wurde -erel dann durch ein personifizierendes -eron ersetzt. Macron ist nichts anderes als die kontrahierte Form von maqueron, hier könnte poisson "(kleiner) Fisch" Pate gestanden haben. Doch gibt es keine historische Dokumentation im Gegensatz zu Maquerel (2).

Recht kompliziert ist die Bedeutungsgeschichte des ursprünglich niederländischen Wortes: Wie kommt es vom Makler zum Fischnamen Makrele und der übertragenen Bedeutung Zuhälter? Nach überwiegender Auffassung spielen hier zwei Dinge eine Rolle. Das neutrale Makler traf im französischen Sprachraum auf die für Makler gebräuchliche Bezeichnung courtier (courretier) (eine Ableitung von altfranzösisch courre, aus lateinisch currere "laufen") - vgl. dt. courtage "Maklergebühr" - und wurde im übertragenen (negativen) Sinn von "Kuppler, Zuhälter" gebraucht.

Die Bedeutungsübertragung auf den Fisch wiederum hängt mit einer populären Vorstellung zusammen: Nach altem Volksglauben begleitet die Makrele die jungen Heringsschwärme (Matjeshering) und bringt die Männchen und Weibchen zusammen (in Wallonien und Lothringen findet die weitere Übertragung auf "Hexe" statt, wohl wegen des ihr oft zugeschriebenen Liebeszaubers). Der Name Macron ist also formal einfach, semantisch aber nicht eindeutig zu erklären. Die wahrscheinlichste Entwicklungskette scheint aber die folgende zu sein: Macron (kontrahierte Form von Maqueron) ist eine unter Einfluss von poissson entstandene Variante von französisch maquerau in der Bedeutung "Makrele". Die negative Bedeutung "Zuhälter" ist allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen.

Dieter Kremer, Leipzig, am 14. Mai (jour de l'Armistice) 2017 (3)

  1. Die entsprechenden italienischen Familiennamen (Maccarone, Maccaroni, Maccarrone, Maccherone, Maccheroni) sind historisch ausreichend gut belegt, etwa Stefano di Lupo detto Maccherone a.1407 (Pisa) oder Cesar Camilli de Maccaronibus a.1526 (Rom).  
  2. Heute als Familienname Ma(c)querel, Ma(e)quereau. Als Beiname ist Maquerel historisch gut belegt, auch in der kontrahierten Form: Janin Macrel a.1415 (Boulogne-sur-Mer) neben Thomas Maquereaus a.1250/1280 = Thoumas Maquerel a.1274 (Provins), Jehan Maquerel a.1273 (Provins), Maquerellus carnifex a.1287 (Poitiers), Michiel Maquerel tavernier a.1296 (Paris) usw. (alles Originalurkunden). Wohl zum Fisch (Makrele) gehört der Hausname (Hauszeichen) la maison a la Maquerele a.1308 (Saint-Magloire), doch nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann die Bedeutung "Kupplerin", also etwa "Bordell". Weniger eindeutig ist die italienische Entsprechung maccarello, regionales Synonym für scombro "Makrele", in den Familiennamen (Maccarello, Maccarelli, Maccarella, Mittelitalien, Maccariello, Campania, seltener auch Macarelli und Macaretti): Es kann sich um den Fisch (maccarello, maccarella, belegt seit dem 15. Jahrhundert) handeln, denkbar wäre aber auch eine Ableitung vom PN Mac(c)ario oder Zusammensetzungen mit dem alten Verb (am)maccare "zerdrücken, zerquetschen" (dazu FN wie Maccafava, Maccaferri u.ä.). Auf den ersten Blick rätselhaft ist der jüdische Zweitname Macarel (auch, seltener, Macarrel und vor allem Macaron) im Navarra des 14. Jahrhunderts.
  3. Die wissenschaftlichen Referenzwerke werden hier nicht im Einzelnen aufgeführt. Der Kommentar steht im Zusammenhang mit dem europäischen Forschungsprojekt Dictionnaire historique de l'anthroponymie romane (PatRom).