Von Bernd Koenitz

Karlheinz Hengst hat seit den 1990er Jahren - so in seinem Aufsatz Der Name Leipzig als Hinweis auf Gegend mit Wasserreichtum ..., in NI 95/96 (2009) 21-32 - Zweifel daran geäußert, dass es sich bei dem <Lib>- in <Libzi>, der Ersterwähnung des Ortes Leipzig in der Chronik des Thietmar von Merseburg (1012/1018), nur um einen Fehler gehandelt habe, und die Frage nach einer neuen Etymologie statt der jahrhundertealten onomastischen Legende, wonach der Ortsname auf die Basis *lip- zu dem altslawischen Substantiv *lipa 'Linde' zurückzuführen sei, samt dem Versuch einer Antwort zur Diskussion gestellt. Unterstützung fand Hengsts "Vorstoß" durch Ernst Eichler und Hans Walther (vgl. u.a. - noch mit Vorbehalt - Eichler, Ernst / Walther, Hans (Hg): Historisches Ortsnamenverzeichnis von Sachsen. Berlin 2001, Band II, 577). Als etymologische Basis schien schließlich für Hengst, Eichler und Walther nur ein nichtslawisches Element in Frage zu kommen, und man befand als wahrscheinlichen Kandidaten für ein solches ein germanisches Wasserwort *Libja. Diese "germanische Form", die rekonstruierbar sei aus einer ide. Wurzel der Bedeutung ʻschleimig, nass', habe "eine 'flusswasserreiche Gegend" gekennzeichnet. Aus *Libja sei mittels Suffix -c < ursl. *‑ьc(ь) der ON gebildet worden: *Liḃc. Ende des 12. Jahrhunderts sei dann in den Schreibungen statt <b> <p> aufgetreten, und außerdem habe bei den Altsorben ein Suffixwechsel von -c zu -sk stattgefunden (erster Beleg dafür zu 1190 in Lipzk). Es wäre hier also die Eindeutung von *lipa erfolgt, und "das neue Suffix" wäre zusammen mit der deutschen Diphthongierung die Grundlage für die Herausbildung der heutigen Namensform gewesen.

Kritisch zu betrachten sind m.E. die folgenden Ausgangspositionen der neuen Namenserklärung:

(1) Das zweimalige Thietmarsche Notat <Libzi> läßt angesichts seines -<i> nicht auf die Namensform *Liḃc schließen. Die Annahme, vom Chronisten sei, kennzeichnend einen Bewohnernamen, eine lateinische Pluralendung angefügt worden, ist nicht ausreichend fundiert. Bei Thietmar findet man die Endung -<i> einerseits in mehreren Fällen, wo sie ohne weiteres als slawische Pluralendung zu verstehen ist, andererseits aber auch in solchen Namensformen, in denen das -<i> einen nicht-hinteren Vokal einer Singularendung wiedergibt. Die Möglichkeit, dass <Libzi> eine slawische Pluralform meinen könnte, wurde kaum ins Auge gefasst.

(2) Schon die beiden nächstältesten Belege nach Thietmar lauten <Libziki> (zum Jahre 1021) und <Libizken> (zu 1050). Hier wurde ein ‑<k>- des 11. Jahrhunderts übersehen, das gemäß Hengsts Darstellung eigentlich erst als Bestandteil der "neuen Namensform" mit ‑sk- (nach der Stadtrechtsverleihung um 1165) auftreten dürfte. Unerwähnt blieb, dass auch diese Formen nach Pluralformen aussehen - nun freilich gewiss nicht nach lateinischen (latinisierten).

(3) Die Möglichkeit einer slawischen Etymologie wurde nur sehr flüchtig geprüft und vorschnell zugunsten eines vorslawischen, nur rekonstruierten (germanischen) Wasserwortes verworfen.

(4) Offensichtlich wurde auch die Suche im slawischen Sprachgut von vornherein auf den Aspekt des potentiell namengebenden - vor allem des "flusswasserreichen" - Geländes orientiert.

(5) Eine Herleitung von einer Personenbezeichnung bzw. einem PN wurde nicht ins Auge gefasst. Als man sich auf die Prüfung der Möglichkeit einer rein slawischen Etymologie einließ und insbesondere die Wurzel *lib- in der Bedeutung ʻschwach, abgemagert, mager, fleischig (nicht fett)' nach dem Historisch-etymologischen Wörterbuch der ober- und niedersorbischen Sprache von Heinz Schuster-Šewc, 837f. beachtete, wurde eine Pluralform nicht in Betracht gezogen, und außerdem sah man diese Wurzel.in diesen Bedeutungen ausdrücklich (nur) im Zusammenhang mit der "flusswasserreichen Leipziger Gegend" bzw. dem Gelände schlechthin. Sowohl bei Schuster-Šewc (a.a.O.) als auch in Trubačevs umfassendem Überblick über die slawischen adjektivischen Etyma mit der Basis *lib- in dessen Ėtimologičeskij slovar' slavjanskich jazykov sollte auffallen, dass die von den dort genannten Adjektiven bezeichneten Eigenschaften ausdrücklich Menschen und Tieren, ggf. Pflanzen, zuzuordnen sind, während in keinem Falle ein Bezug zu Gelände, Boden, Gewässer erkennbar wird. Zum Kaschubischen wird gar ein leḃoda ʻdürrer, hagerer Mensch, Schwächling' genannt.

<Libzi> ist demnach offensichtlich zu erklären als *Liḃci/*Liḃcě, identisch mit dem ursprünglichen N. bzw. A. Pl. *liḃci/*-ě zu einem aso. *liḃc < *libьcь ʻmagerer, schwächlicher [o. ä.] Mensch' oder dem Plural des PN *Liḃc - demnach ʻSiedlung von Schwächlingen oder Kümmerlingen oder dergleichen' oder aber ʻSiedlung der Familie Liḃc'. Einen formal und semantisch perfekten Vergleichsnamen stellt hier der tschechische ON Slabce < *Slabьci/*Slabьcě, zu tsch. slabec ʻSchwächling' dar, dies zu sláb < *slabъ 'schwach' (vgl. das Standardwerk Místní jména v Čechách ... von A. Profous, Teil IV, 91). Völlig organisch passt sich in diesen Ansatz der Beleg <de Libz> von 1185 ein, handelt es sich doch hier um die Rezeption der aso. G.-form (G. Pl. *Liḃc). Bei den beiden Belegen 1150 [zu 1080] usque Libiz und [zu 1088/1089] Libiz oppidum könnte auch ein die Palatalisierung des |b| simulierender Einschubvokal -<i>- in der zweiten Silbe vorliegen. Ins Auge zu fassen ist ebenfalls die Möglichkeit der Existenz einer aso. Nebenform *Libici/*Libicě. Außer dem genannten Vergleichsnamen Slabce finden sich noch mindestens 9 weitere ebenso strukturierte tschechische ON.

Auch im altsorbischen. Gebiet gibt es mindestens drei ON, die mit hoher Wahrscheinlichkeit den tschechischen zur Seite zu stellen sind. Es handelt sich hier um einen Typ von Bewohnernamen, bei denen grundsätzlich offen ist, ob sie als Spott- oder Necknamen für die Bewohnerschaft oder als Plural eines PN gegeben wurden. In jedem Falle lässt die Bedeutung der zugrunde liegenden Adjektive eine spöttische Konnotation erkennen, die sicher mindestens bei einigen dieser ON direkter Bestandteil der ursprünglich semantisch-toponymischen Struktur ist. Die hier ins Spiel kommenden eingliedrigen toponymischen Spott- oder Necknamen sind wohl wegen ihrer weniger auffälligen Struktur bisher weniger beachtet worden als die zweigliedrigen vom Typ *Chrapousty (dt. Krappe/oso. Krapow). Der Typ beschränkt sich übrigens nicht auf das Muster, das durch den Plural von -c-suffigierten deadjektivischen Substantiven gekennzeichnet ist. Hierher gehört z.B. auch der tschechische ON Chaby ʻDorf von Schwächlingen' (zum Adj. chabý ʻschlaff, matt, flau'), der wahrscheinlich bzgl. der Motivationsbedeutung weitgehend synonym ist mit tsch. Slabce und nun auch mit unserem aso. <Libzi>. Mit der transparenten Rekonstruktion der ältesten belegten Namenform des im 10./11. Jahrhundert mitten in rein slawischem Siedlungsgebiet gelegenen Ortes als einem rein slawisches Toponym dürfte sich die Suche nach einer germanischen oder gar alteuropäischen Bezeichnung von irgendwelchem für den Ort namengebenden "Wasser" erübrigen und sollten die betreffenden Hypothesen beiseite zu legen sein.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen nun aber auch die sowohl von Walther als (zunächst) auch von Hengst nicht kommentierten Daten der folgenden beiden dem 11. Jahrhundert zugeschriebenen Nennungen: [um 1021] Libziki und [um 1050] in burcvardo Libizken. Im Unterschied zu der <Libziki> enthaltenden Urkunde, die eine (fast?!) totale Fälschung ist, handelt es sich bei dem <Libizken> enthaltenden Diplom um eine seriöse Kopie. Bezüglich <Libziki> ist darauf hinzuweisen, dass diese Form in den Belegen des Fälschungszeitraums (um 1300) mit der spezifischen Kombination von ‑<b>- und -<k>- und Endung -<i> keine Verankerung findet und demnach zu vermuten ist, dem Fälscher habe doch eine Vorlage aus dem 11. Jahrhundert zu Gebote gestanden, die die betreffende Namenform aufwies. Die Endung -<i> in <Libziki> ist - nach <k> - sicher kein lateinisches Pluralzeichen, wohl aber eine mögliche slawische Pluralendung. Der Eintrag <Libizken> wiederum zeigt wohl eine mittelhochdeutsche Pluralendung (D. Pl.). Es bietet sich für <Libziki> (und <Libizken>) ohne weiteres die Erklärung als aso. *Liḃčky an, Deminutiv des ON *Liḃci/-ě oder - wahrscheinlicher - aus dem Plural von *liḃčk, Deminutiv zum Appellativ *liḃc, oder auch dem entsprechenden PN *Liḃčk alternativ gebildeter Bewohnername. *Liḃčky wäre der zum neuen proprialen N.Pl. erhobene urspr. A.Pl.; der ursprüngliche Name hätte *Liḃčci gelautet. Die Deminuierung hätte in diesem Falle die vom Basislexem gegebene Motivbedeutung und den Spottnamencharakter verstärkt. Das Notat <Libizken> könnte durchaus auch auf einer aso. Nebenform *Libičky beruhen.

Es erhebt sich jetzt die Frage, ob, wo, wann eine -sk-suffigierte Form unseres ON überhaupt entstanden sei. Die ortsnahen Belege der weiteren Jahrhunderte (bis einschließlich 14. Jahrhundert) zeigen eine Form *Lipsk- direkt und eindeutig nicht. Die Notate, soweit sie den Auslaut -/k/ anzeigen, lassen sich letztlich auf die aso. Form *Libčky, G. *Libčk zurückführen und entwickeln sich hin zur heutigen amtlichen wie auch der dialektalen bzw. umgangssprachlichen Form durch Regraphie und/oder nach den Gesetzmäßigkeiten des Deutschen. Einer Erklärung bedürften noch die poln./sorb. Form Lipsk sowie die tsch./slk. Form Lipsko. Sind diese Formen nicht ausschließlich durch Eindeutung in die deutsche Kanzleiformen <Lipzk> u.ä. entstanden?

Anmerkung: Der obige Text ist die Kurzfassung einer noch unveröffentlichten Studie (demnächst in den Namenkundlichen Informationen).

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Prof. Dr. Bernd Koenitz, Stötteritzer Str. 77, 04317 Leipzig, bernd_koenitz@gmx.de