Die Hauptpersonen des Weihnachtsmysteriums sind allbekannt. Ihre Namen gehören, wenn auch mit erheblichen Verschiebungen, zum zentralen Namenschatz des "christlichen Abendlandes". Wenn dieser Begriff heutzutage auch inflationär und sachfremd gebraucht wird, so zeigen die Namen doch die gemeinsamen Wurzeln unseres Kontinents (und der von hier aus eroberten, kolonisierten und besiedelten Gebiete). Zu unterscheiden ist natürlich der Gebrauch als Vornamen (in der Regel wohl Taufnamen, da diese überaus christlich konnotierten Namen im nicht religiösen Kontext wenig Sinn machen) und der daraus hervorgegangenen Familiennamen; doch können diese wiederum auch auf Örtlichkeiten (kirchliche Einrichtungen) zurückführen, in denen unsere "Protagonisten" eine besondere Verehrung erfuhren.

Als "tabuisierte" bzw. erst spät kanonisierte Vornamen im deutschen Sprachraum spielen Maria und Josef (in älterer Schreibung Joseph), mit zahlreichen Varianten, erst seit der Reformation und vor allem Gegenreformation eine zunehmend bedeutende Rolle (dazu ausführlich HDV und DudenVornamen). Insbesondere auf der Iberischen Halbinsel ist Maria bereits im Mittelalter der mit großem Abstand beliebteste Frauenname, während Josef sich erst seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert zunehmender Beliebtheit erfreut; die Doppelnamen María José bzw. José María gehören bis in die jüngste Zeit zu den beliebtesten Namenkombinationen überhaupt.

Eine Sonderrolle spielt der Rufname Jesus. Im deutschen Sprachraum selten, dann nicht und inzwischen wieder erlaubt, ist dieser "Tabuname" wiederum auf der Iberischen Halbinsel durchaus verbreitet. Immer auf der zweiten Silbe betont ist Jesús (Xesús) beliebter Männername. Aber auch als Frauenname, gekürzt aus einer marianischen Namenbildung, insbesondere María de Jesús (portugiesisch Maria de Jesus), ist unser Name durchaus beliebt. Derartige Namenzusätze und daraus entstandene Kürzungen wie [María del] Pilar, [María de las] Mercedes, [María de la] Purificación, [María de los] Dolores usw. sind auf der Iberischen Halbinsel seit dem 16. Jahrhundert sehr verbreitet. Auch Männernamen (ursprünglich Klosternamen) konnten auf diese Weise gebildet werden, das früheste Beispiel ist wohl NN. de Deos.

In diesen Zusammenhang zählt auch der Gebrauch, insbesondere im portugiesischen Kontext, des Wohnortes von Maria und Josef Nazareth (ØHDV, DudenVornamen): Maria da Nazaré (brasilianisch Maria de Nazaré), das sich (wohl ausgehend von einem entsprechenden Patrozinium) in zahlreichen Ortsnamen findet; aber auch Männernamen konnten auf diese Weise gebildet werden. Der entsprechende Familienname Nazaré (Portugal) kann sowohl auf einen Vornamen wie auf einen Ortsnamen zurückgehen. Im selben Zusammenhang steht spanisch Nazaret (111[54+57], mit deutlichem Schwerpunkt in der Extremadura: Badajoz 36). In einem anderen Zusammenhang stehen die entsprechenden ethnischen Bezeichnungen "aus Nazareth": Nazareus (dt. Nazarius, franz. Nazaire, ital. und span. Nazario, jeweils mit Ableitungen als Personen- und als Familiennamen) und Nazarenus (ital. Nazzareno).

Überhaupt wäre es interessant, die Rolle dieser Vornamen in den Familiennamen genauer zu überprüfen. Hier nur einige Hinweise:

In Spanien ist Jesús immerhin für 3.222 Personen nachgewiesen (1580+1633+9, jeweils als erster und zweiter oder identische apellidos). Schwerpunkte lassen sich im Süden, insbesondere Huelva (171+255) oder Cádiz (149+152) und Las Palmas (197+157) ausmachen; Zahlen für Portugal (Jesus) sind nicht zu ermitteln. In Frankreich ist der FN Jesus zwischen 1891 und 1990 immerhin für 717 Geburten bezeugt, deutlicher Schwerpunkt sind die Departements Loiret (38+25+23+16) und Nord (15+20+21+44). In Italien ist die Situation komplexer. Neben der möglichen Einwirkung von Giosuè ist die Betonung bei Gesu den Quellen nicht ganz eindeutig zu entnehmen. Möglicherweise gibt es in wenigen Fällen neben Gesù (155, davon in Apulien 69) auch *Gèsu, zumindest ist die Graphie Gesu nicht eindeutig (153, davon Apulien 54, Trapani 31, Sardinien 40). Ebenfalls nicht ganz eindeutig scheinen die präpositionalen Bildungen Di Gesù (645, davon Sizilien 231, Apulien 152) bzw. Di Gesu (778, davon Sizilien 360, Calabrien 237), Digesù (30, in Bari 23) / Digesu (24) und De Gesu (12, in Cosenza 11). Sie können sich als patronymische Bildung auf eine Referenzperson beziehen oder in einigen Fällen auch dem spanischen Muster entsprechen. Von Interesse sind Eindeutungen wie Gesufatto (< Giosafatte < Josaphat, Calabria; als FN 6 Fälle) und der FN Gesugrande (42, davon 37 in Agrigento/Sizilien), der sich auch in Deutschland und den USA findet; die genaue Interpretation ist schwierig. Selbstredend ist die Zusammensetzung Gesumaria (58, davon Caserta 21, Salerno 19) bzw. Gesummaria (71, davon 70 in Salerno), die dem Ausruf "Jesus (und) Maria!" entsprechen.

Als Familienname ist Maria in Spanien als María (8.596 = 4315+4221+60, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, dazu auch der Plural Marías 200+188, hauptsächlich in Aragón) und de María (570+404, Altkastilien) als häufigstes Matronym auffallend verbreitet. Aber Italien steht nicht nach: Maria 1.455 (Sizilien 734, Campania 410) und vor allem Di Maria 8.764 (Sizilien 5.235, Campanien 1.301, Apulien 594) / Dimaria 147 (Sizilien 101, Apulien 28), De Maria 7.286 (Campania 2.151, Apulien 695, Calabria 685, Piemont 550) / Demaria 2.768 (Piemont 1.1857, Calabria 230). Besonders auffallend ist die Frequenz in Frankreich mit insgesamt 44.190 Geburten mit dem eingetragenen FN Marie (Schwerpunkt Calvados 2.334+3.619+4.776+3.922).

Wegen seines späten Aufkommens als Modenamen ist Josef in den Familiennamen im Vergleich nur sehr spärlich vertreten. Am häufigsten begegnet José in spanischen Familiennamen (4.718 = 2.381+2.319+18, Schwerpunkt West- und Ostspanien, Barcelona 784+798 gegenüber Madrid 185+206). Die international bekannte Koseform Pepe (katalanisch Pep) spielt in den Familiennamen praktisch keine Rolle, umso mehr als Pep- als historisches Namenelement auch anders interpretiert werden kann. In Frankreich ist Joseph immerhin für 13.252 Geburten registriert, doch liegt der Schwerpunkt in den Überseebesitzungen Martinique, Guadeloupe und Guyane. Auffallend selten ist Giuseppe als Familiennamen nachgewiesen: 27 für ganz Italien, hinzu kommt Giuseppi (77). Doch sind bei einer korrekten Zählung die Ableitungen auf -etto (Giuseppetti 340), -ino (Giuseppino 36, Giuseppini 445, Giuseppin 247), -olo (Giuseppoli 19), -one (Giuseppone 183, Giusepponi 377) und -uccio (Giuseppucci 113) und insbesondere die Kurzformen mit Pepp- zu berücksichtigen.

Wichtige Referenzwerke für Deutschland

HDV = Wilfried Seibicke, Historisches Deutsches Vornamenbuch, 5 Bände, Berlin/New York: de Gruyter 1996/2007.

DudenVornamen = Duden. Lexikon der Vornamen, 6., völlig neu bearbeitete Auflage von Rosa und Volker Kohlheim, Mannheim/Zürich: Dudenverlag 2013.

Dieter Kremer