2015 feierte Leipzig die Ersterwähnung seines Namens vor genau 1000 Jahren. Der Bischof Thietmar von Merseburg (975–1018) berichtet in seiner Chronik zum Jahre 1015, dass der wackere Bischof Eid erkrankte und am 20. Dezember in der Burg Leipzig Christus seine treue Seele zurückgab. Im lateinischen Original heißt es …et in urbe Libzi vocata fidelem Christo animam…reddidit. Aus diesem Anlaß erschien ein Jahrtausend danach eine Vielzahl von Publikationen zur Geschichte von Leipzig, darunter mehrere Bücher. Kaum jemand stellte jedoch die Frage, woher die Slawen kamen, die damals hier lebten. Und es waren ihrer nicht wenige, die der Merseburger Bischof von ihrem „heidnischen“ Glauben abzubringen und zum Christentum zu bekehren hatte, lebten doch im Leipziger Land vor der deutschen Eroberung rund 6000 Menschen.

Die Antwort des Laien auf die im Titel formulierte Frage dürfte lauten: Sie kamen aus dem Osten. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. In der Tat ließen sich im Osten des Territoriums des späteren Landes Sachsen, der Oberlausitz, Ansiedler aus dem Oderraum nieder, die sich dann zu den Stämmen der Milzane und Besunzane zusammenschlossen. Wie Karte 1* zeigt, besiedelten die Räume zwischen dem Elbtal im Osten und der Saale im Westen, aus denen die früher hier lebenden Germanen fast vollständig abgezogen waren, Slawen, die die Elbe abwärts aus Böhmen kamen. Diese Erkenntnis verdanken wir vor allem den Archäologen und den Namenforschern, denn die historischen Quellen liefern nur wenig Informationen über die Slawen aus der Zeit vor der deutschen Eroberung. Bei der Untersuchung slawischer Bodenfunde stieß man bereits Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Nähe von Prag auf eine altertümliche einfache Keramik, die man später als Prager Typ bezeichnete. Deutsche Archäologen fanden bei ihren Ausgrabungen nördlich des Erzgebirges denselben Keramiktyp vor und schlussfolgerten, dass die Slawen des Mittelelbegebietes aus dem Süden, aus Böhmen eingewandert waren. Diese Annahme bestätigten die besonders nach dem zweiten Weltkrieg intensiv betriebenen Forschungen der nachfolgenden Jahrzehnte. Man verband dabei die Keramik vom „Prager Typ“ mit dem Hügelgrab und der Brandbestattung sowie dem Bau von eingetieften Grubenhäusern mit Ofen oder Herd. Auf diese Weise gelang es, einen archäologisch-kulturellen Komplex zu bestimmen, der auf Grund gleicher Befunde das Mittelelbegebiet bis zur Saale und bis weit nach dem Norden über Magdeburg hinaus mit Böhmen, Mähren, der Slowakei und Ungarn in einen ursächlichen Zusammenhang brachte. Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass die slawische Landnahme die Elbe abwärts vom Süden her bis in den Bereich der mittleren Havel erfolgte.

Noch detaillierter und nicht weniger überzeugend konnten die Namenforscher die Landnahme der Slawen aus dem Süden nachweisen. Bahnbrechende Erkenntnisse verdanken wir vor allem Ernst Eichler. Es waren bestimmte Ortsnamentypen und unter ihnen sehr selten vorkommende Namen, die für eine enge Beziehung einer Anzahl altsorbischer Namen mit Nord- und Mittelböhmen, vor allem dem oberen Elbtal sowie der unteren Moldau und ihren Zuflüssen zeugten. Diese in Bezug auf Herkunft, Bildung und Bedeutung mit ihren frühen alttschechischen, genauer späturslawischen Entsprechungen genau übereinstimmenden Ortsnamen konnten nur von den ersten Einwanderern aus Böhmen mitgebracht oder nach dem Muster der dortigen Namen gebildet worden sein. Derartige Namen ließen sich nicht nur im Elbe-Saale-Raum nachweisen, sondern auch weiter im Norden, im später altpolabischen Sprachgebiet. An der Spitze dieser Namengruppe stehen die Bewohnernamen vom Typ Kosobudy/Žornosěky. Es handelt sich der Bedeutung nach um Spott- und Necknamen sowie um Berufsnamen oder Berufsübernamen, der Bildung nach um im Plural stehende Zusammensetzungen aus zwei bedeutungstragenden Bestandteilen. Darüber hinaus liefert ein weiterer archaischer Namentyp wichtige Indizien für die Herkunft der Einwanderer, die patronymischen Ortsnamen mit den Suffixen -ici und -ovici. Unter diesen sehr häufigen Namen, die nur in den ältesten Siedlungsarealen vorkommen, sind es aber nur vereinzelte Namen, die für die erforderliche Beweisführung in Frage kommen. Das Gleiche gilt für eine Reihe von Vertretern anderer Namentypen, oft Unikate.

Die Aufgabe dieser kurzen Studie besteht darin, weitere derartige, bislang übersehene Fälle beizubringen, um das bisherige Bild zu ergänzen. Das Verfahren verlangt eine Vorbemerkung: Die Annahme einer altsorb.-alttschech. Namengleichung setzt voraus, dass entsprechende Namen nicht in anderen slawischen Sprach- und Namenräumen vorkommen. Das läßt sich beim gegenwärtigen Stand der Forschung nicht ausschließen. Voraussetzung wäre ein westslawischer, besser gesamtslawischer Ortsnamenatlas, dem komplette historisch-etymologische Ortsnamenlexika zu Grunde liegen. Das ist zur Zeit nicht gegeben und bleibt vorerst eine Zukunftsvision. Alle im Nachfolgenden getroffenen Feststellungen sind deshalb mit Vorbehalt hinzunehmen.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Großraum Leipzig, zuerst die Namen vom Typ Kosobudy/Žornosěky, bei denen es sich bekanntlich um besonders altertümliche Bildungen handelt. Sie gliedern sich ihrer Bedeutung nach in Spott- und Necknamen sowie in Berufs- und Berufsübernamen. Zu ihnen gehören die Ortsnamen Kötzschbar, s. Leipzig, altsorb. *Kočvary ‘Dorf der Katzenkocher’, Wölpern, nö. von Leipzig, sw. von Eilenburg, altsorb. *Velpirdy ‘Dorf der Vielfurzer’, und †Scherperd, n. Leipzig, s. Delitzsch, altsorb. *Skoropirdy ‘Dorf der Schnellfurzer’. Diese Namen haben genaue oder ganz ähnliche Parallelen nur in Böhmen. Mit Lauer, s. Leipzig, aso. *Ługorady ‘Dorf der Leute, die feuchte Wiesen gern haben’, kann man bedingt tschech. Lužerady in Beziehung setzen. Zu den Ortsnamen, die auf Herkunft der slawischen Einwanderer aus dem Süden schließen lassen, rechnet Ernst Eichler auch eine Reihe von Bildungen mit *Vše-, aus westslaw. alt *vьšь ‘all, ganz’, die im Polnischen und Altpolabischen sehr selten sind, dafür umso häufiger im Tschechischen. Zu ihnen gehört †Wischerabe(n), nö. Naumburg, rekonstruiert als *Všeroby oder *Všeruby, mit dem zweiten Bestandteil aus *robiti ‘machen, arbeiten’ oder *rubiti ‘hauen, schlagen (Holz)’. Eine genaue Analyse führte dagegen zu altsorb. *Všegraby ‘Dorf der Leute, die alle (oder alles) stehlen’, mit deutsch ‘Diebsdorf’ vergleichbar. Damit gerät der Name in den Kreis tschechischer Bildungen auf -hraby wie *Senohraby, von Antonín Profous als ‘Dorf der Leute, die Heu zusammenrechen’ gedeutet, zutreffender wäre ‘Dorf der Leute, die Heu stehlen’. Wie aus Karte 2* ersichtlich, gibt es noch zahlreiche weitere Ortsnamen dieses Bildungstyps, die die Einwanderung der Slawen aus dem Süden bezeugen und die Ernst Eichler erstmals kartierte.

Zu den ältesten Ortsnamenschichten rechnen bekanntlich die patronymischen Ortsnamen mit den Suffixen -ici und -ovici. Auch unter ihnen gibt es immer wieder Namen, die Beweise für die Herkunft der ersten slawischen Siedler aus Böhmen liefern. Sie kommen vor allem in der Nähe des Elbtales und im Slawengau Daleminze vor. Einige von ihnen wurden bisher anders gedeutet. Wir müssen uns hier auf folgende von ihnen beschränken:

Gomlitz, n. Dresden, altsorb. *Komonici ‘Leute des Komoń’ – tschech. Komonice, in der Nähe von Strakonice, Südböhmen. Hinsichtlich seiner Bildung und Bedeutung ist der Name mit dem Leipziger Stadtteilnamen Connewitz, altsorb. *Konevici ‘Leute des Koń’ vergleichbar. Die den beiden Personennamen zu Grunde liegenden Appellativa *komoń und *koń bedeuten jeweils ‘Pferd’.

Moritz, nö. Dresden, altsorb. *Mordici ‘Leute des Morda’ – tschech. Mrdice, bei Chrudim, Ostböhmen.

Schänitz, nö. Nossen, Schänitz, sö. Riesa, altsorb. *Čanici ‘Leute des Čan’ mit dem PersN *Čan aus *Čajan – tschech. Čenice, bei Hořice, Nordostböhmen.

Seußlitz, sö. Riesa, altsorb. *Žuželici ‘Leute des Žužela’ – tschech. zweimal Žiželice, in der Nähe von Žatec / Saaz, Nordböhmen, und in der Nähe von Chlumec nad Cidlinou. Der OrtsN kommt noch als Seiselitz, sö. Naumburg, sowie als †Seuselitz, nö. Dessau vor. Von dem PersN Žužela ist der Stammesname Suisili abgeleitet.

Zschaitz, nö. Döbeln, altsorb. *Čavici ‘Leute des Čava’ – tschech. Čívice, südl. von Královice, Westböhmen, und Staré Čívice, bei Pardubice, Ostböhmen.

Daneben gibt es eine Reihe weiterer Namen, die genaue Entsprechungen im Süden haben, darunter wahrscheinlich das bisher ganz anders gedeutete Pirna. Es sind darüber hinaus bestimmte lautliche oder die Namenbildung und -lexik betreffende Eigenheiten, die beide Großareale miteinander verbinden und zum Teil bis auf den Balkan reichen. Unter ihnen befinden sich einige OrtsN, die auf Stammesnamen zurückgehen, so Korbetha, Zörbitz und Pulgar, alle westlich und südlich von Leipzig. Eine umfassende großräumige Studie mit kartographischer Darstellung der altsorb.-alttschech. Ortsnamenkorrespondenzen würde viele neue Erkenntnisse zur Landnahme der Slawen in Mitteleuropa ermöglichen.

Die bisher durch die Sprachwissenschaft, die Geschichtsforschung und die Archäologie ermittelten Fakten und daraus erschlossenen Zusammenhänge legen die Gliederung des altsorbischen Dialektkontinuums, das von Bober und Queis im Osten bis zur Saale im Westen reicht, in das Altwestsorbische, das Altobersorbische und das Altniedersorbische nahe. Schon Ernst Eichler unterschied nach Analyse der Ortsnamenstrukturen und der Ortsnamenlexik einen Westflügel und einen Ostflügel im altsorbischen Sprachgebiet. Wie neuere Untersuchungen zeigen, trennt beide Großareale eine ausgedehnte Grenzregion östlich der Elbe mit riesigen Urwäldern, Sümpfen und unfruchtbaren Böden. Das Altwestsorbische konstituieren die Stammesdialekte der Surbi, der Chutici, der Siusili, der Dalaminci, der Nisane und weiterer Stämme, das Altobersorbische die Dialekte der Milzane und Besunzane, das Altniedersorbische die Dialekte der Lusici zusammen mit denen der Zliuuini und der Siedler von Nice sowie der Einwohner von Selpoli, Chocimi und Sarowe. Die Ansätze zu diesen Differenzierungen hatten sich bereits im Urslawischen bzw. Späturslawischen herausgebildet. Man sollte nicht vergessen, dass die Slawen, auch die im Leipziger Land, vor der Jahrtausendwende noch späturslawische Dialekte sprachen. Das beweist nicht zuletzt der Name des Gaues Chutici, in dem die urbs Libzi lag, 973 Chuntici, späturslaw. *Chǫtici ‘die Leute des Chǫtь’. Dass gegen Ende des 10. Jh. der urslaw. Nasalvokal ǫ in ein altsorb. u überging, beweist 974 Chutizi. Der german.-slaw. MischN *Libьskъ zeigt durch seine reduzierten Vokale ь und ъ ebenfalls eine urslaw. Lautung. Er ist bekanntlich erstmals 1015 in der eingedeutschten Form Libzi überliefert und wandelte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu dem heutigen Leipzig, in der Mundart zu laḙbdsχ. Ob in *Libьskъ vor Ankunft der deutschen Eroberer ein *županъ als Oberhaupt einer Siedlergemeinschaft oder gar ein *kъnędzь als Fürst an der Spitze eines Kleinstammes residierte, wissen wir nicht.

Anmerkung

* Karte 1 entstammt dem Buch von Karlheinz Blaschke, Geschichte Sachsens im Mittelalter, Berlin 1990, 44, Karte 2 dem Aufsatz von Ernst Eichler, Sorbisch-tschechische Beziehungen in eingedeutschten Ortsnamen. – Die vorliegende Studie zur Herkunft der Slawen wird 2017 in dem Buch „Die slawische Frühgeschichte Sachsens im Licht der Namen“ im baar-Verlag erscheinen.