Kurznotizen von Dieter Kremer

Zum "Unwort" des Jahres 2015 wurde gerade die Bezeichnung (Begriff?) Gutmensch gewählt. Man mag dazu stehen, wie man es für richtig hält. Doch auch als Eigenname kann Gutmensch auf eine lange abendländisch-christliche Tradition zurückblicken. Wie überhaupt Namenbildungen mit "gut" (lat. bonus) außerordentlich häufig sind, und zwar als Rufnamen und als Beinamen. Entsprechend problematisch kann die Erklärung von entsprechenden Familiennamen sein.

Im romanischen Kontext ist bonus in allen Sprachen die Allgemeinbezeichnung für "gut". Bei "Mensch" verhält es sich ähnlich wie im heute problematischen deutschen Mann/man, wobei Mensch eine alte Ableitung von Mann ist. Lat. homo bedeutet "Mann" (in Ablösung von vir) und "Mensch", eine Bildung wie Bonushomo/Homobonus könnte daher als Gutmann oder Gutmensch übersetzt werden. Anbetracht der weiblichen Entsprechungen Bonamulier/Mulierbona oder Bonadomina/Dominabona ist in der Regel wohl von "Person männlichen Geschlechts" auszugehen.

Namenbildungen mit homo sind sehr alt und in allen romanischen Sprachen verbreitet (dazu allgemein das unten genannte PatRom-Namenbuch). Die Kombination mit bonus (in unterschiedlicher syntaktischer Folge) ist in zahlreichen Namen vertreten, die Interpretation ist jedoch komplex: "christlicher" Name, Kosename, Ehrenname, Standesname, Übername usw. Ist in der reichen historischen Überlieferung meist zwischen ("bedeutenden") Vor- und ("sprechenden") Nachnamen zu unterscheiden, so ist die Interpretation der entsprechenden heutigen Familiennamen keineswegs immer eindeutig, da sie ja auf beide Namenarten zurückgehen können. Hier kann die Syntax eine kleine Hilfe sein: Homobonus ist im Prinzip Rufname, Bonushomo eher Übername, doch lässt sich das keineswegs als Regel fassen, sprachgeographische Kriterien müssten überprüft werden.

Die Thematik "Mensch" und "gut" verdiente allein schon von onomastischer Seite eine eingehendere Untersuchung. Wichtig ist die Rolle von Bonushomo als Taufname (wohl als "Augurativ-Name" zu verstehen), also die christliche (und auch jüdische) Tradition, wie sie uns seit dem 10. Jahrhundert entgegentritt. In Italien lebte der Hl. Omobuono (St. Gutmann, gest. 1197), Stadtpatron von Cremona, Patron der Schneider und Kaufleute, seine Verehrung strahlte über Handelswege von der Lombardei nach Frankreich, Deutschland und die Schweiz aus. Bei beiden Typen handelt es sich überwiegend um Rufnamen, die sich in den heutigen Familiennamen wiederfinden Haupttypen der heutigen Familiennamen sind in Frankreich: Bonzom; Bonhomme, in Italien: Bonuomo/Buonomo/Bonomini/Buonomin, Omobono/Omoboni und in Spanien: Bonhome/Buenhombre/Bonsom; Homobono/Hombrebueno. Weitere Details im PatRom-Namenbuch.

Eine kleine Notiz am Rande: In der historischen Überlieferung ist in manchen Fällen nicht zwischen Bonus Homo und Bonus Nomen (wörtlich "guter Name") zu unterscheiden. Bonus Nomen ist insbesondere alter Frauenname, mit eigener Geschichte.

Zu diesem Thema: Dictionnaire historique de l'anthroponymie romane (PatRom), publié pour le collectif PatRom par Ana María Cano González, Jean Germain et Dieter Kremer, volume II/1: L'homme et les parties du corps humain (première série), Tübingen: Niemeyer 2004, 806 Sp. [homo als Übername 1-59, homo als Rufname 60-76]