In loser Folge erscheinen einige Notizen zur Bildung von Familiennamen in den romanischen Sprachen. Heute wenige kurze Bemerkungen zu den für Spanien und Portugal charakteristischen Namen auf -éz bzw. -es, Typ González. Für Italien soll dann am Beispiel Ferrari die Entstehung der außerordentlichen Vielfalt seiner Namenwelt angedeutet werden.

Unter den von uns als typisch „spanisch“ empfundenen Familiennamen wie Álvarez, Díaz, Hernández, López, Martínez, Pérez, Rodríguez usw. ist González vielleicht der charakteristischste. Alle diese Namen zeichnen sich durch ein – immer! – unbetontes Suffix -ez aus, die richtige Betonung wird durch den vorausgehenden Akzent markiert. Im Portugiesischen entspricht dem die (immer unbetonte) Endung -es, ungefähr /-esch/, hier Alves (Álvares), Dias, Fernando, Lopes, Martins, Pires, Rodrigues, Gonçalves usw. Es handelt sich um ein deutliches Merkmal der iberoromanischen Weltsprachen „Spanisch“ (besser: Kastilisch) und Portugiesisch (mit Brasilianisch). Zugrunde liegt ein spezifisches Suffix zur Bildung von Patronymen, d.h. Referenznamen (normalerweise „Sohn von“), das es nur hier, nicht etwa im Katalanischen gibt (Namen wie Ferrandis oder Gomis sind Importe). Die Herkunft dieses Morphems, das in der mittelalterlichen Überlieferung meist als -ici erscheint, ist diskutiert. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um ein vorrömisches (vorlateinisches, indigenes) Suffix in dieser spezifischen Funktion, keinesfalls um Nachahmung von genitivischen Namenendungen auf -ici (etwa Domínici, zu Domínicus). Der Bezug ist ausschließlich ein Personenname, niemals ein Appellativ oder delexikalischer Beiname. Hiermit unterscheidet sich diese Bildungsweise eindeutig von der Situation in Italien, wo die (diskutierte) Endung -i mit jeglicher Art von Personennamen (Martini neben Rossi oder Ferrari) verbunden wird.

Nichtspanier haben oft Probleme mit der korrekten Aussprache von auch in Deutschland gar nicht seltenen Namen wie z.B. Martínez oder González. Während meist /Mártines/ zu hören ist, ist bei /Gonsáles/ zwar die Betonung richtig (wohl nach Speedy...), aber die Schreibung falsch. Namen gehören zu ihrem Träger, man sollte daher versuchen, korrekt zu sprechen und zu schreiben. Es sind nur wenige Regeln zu beherzigen: (1) Die Betonung ist immer auf der vorletzten Silbe, wenn nicht ein Akzent eine gegensätzliche Betonung markiert, (2) von den charakteristischen spanischen Lauten (in Übersee ist die Aussprache gelegentlich anders) sind eigentlich nur -ch- (ungefähr /tsch/), wie in macho, -ll- (ungefähr /lj/), wie in Castilla "Kastilien", -ñ- (ungefähr /nj/ wie etwa italienisch lasagne) und z- bzw. ce-/ci- (ungefähr wie englisches -th- ausgesprochen) zu beachten. Es heißt also (halb englisch geschrieben) /Gontháleth/, d.h. insbesondere auch das auslautende -z wird wie /-th-/ gesprochen.

Die genannten Beispiele gehören zur Spitzengruppe der häufigsten spanischen oder portugiesischen Familiennamen, sie bezeugen die Mode bestimmter Personennamen zu einer Zeit, in der noch Patronyme gebildet werden konnten (im Extremfall bis Anfang des 16. Jahrhunderts: Álvaro, Diego/Diogo, Fernando/Hernando, Lope/Lopo, Martín/Martinho, Pedro, Rodrigo oder Gonzalo/Gonçalo. Sie zeigen schön, wie unterschiedlich Frequenzen von Familiennamen für bestimmte Kulturräume zumindest auf den ersten Blick sein können. Es steht außer Frage, dass für Spanien und Portugal (mit den entsprechenden Sprachräumen in der Neuen Welt) patronymische Bildungen eindeutig charakteristisch sind. Bei genauerem Hinsehen können sich überall Präzisierungen oder Verschiebungen ergeben, doch ist hier nicht der Ort, näher darauf einzugehen.

Ebenso charakteristisch wie das patronymische Suffix -ez/-es ist die etymologische Herkunft dieser Namen. Bis auf Pérez/Pires (< Pedro < lat. Petrus), Díaz (< Dídacus, diskutierte Etymologie, wohl vorrömisch), Martínez (ebenso häufig Martín, es handelt sich um einen jüngeren Modenamen, < lat. Martinus) und López (< Lope < lat. Lupus "Wolf", mit eigener Geschichte) sind alle Namen germanischer, im konkreten Fall westgotischer Herkunft. Das hängt mit der Geschichte der Iberischen Halbinsel zusammen, wo in der Völkerwanderungszeit das Reich der Westgoten (nach der Hauptstadt Toledanisches Reich, nach 507) entstand, das die gesamte Halbinsel umfasste und bis zur Rhonemündung reichte. Anno 711 bricht dieses Reich unter dem islamischen Ansturm zusammen, es folgt die „Wiederoberung“ (Reconquista) vom christlichen gotischen Norden aus, die endgültig erst 1492 endet. Um 800 wurde Barcelona im Zusammenhang mit Kreuzzügen Karls des Großen (hier spielt die Roland-Sage) eingenommen und das Gebiet, zumindest formal, dem Frankenreich einverleibt; daher die onymische Sonderstellung Kataloniens (Namen westgotischer und westfränkischer Etymologie).

Die Personennamen der Iberischen Halbinsel sind relativ gut erforscht. Die Namen germanischer Etymologie (diese Formel ist korrekter als „germanische“ Namen, es sind ja heute spanische, portugiesische, katalanische „Lehn“-Namen) sind nach den bekannten Mustern gebildet: die (als Komposition wohl meist bereits inhaltslose) Kombination zweier Namenwörter und Kosenamen (wie etwa Wulf-ila m.) oder Kurznamen (etwa Emmo f. < z.B. Ermesinda). Ausgerechnet zwei der genannten häufigsten Namen sind etymologisch nicht ganz eindeutig geklärt. Nämlich Álvaro (mit der ganz unüblichen Betonung auf der ersten, nicht vorletzten Silbe) und Gonzalo/Gonçalo. Seit der ältesten Überlieferung ist die Ausgangsform Gundisalvus sehr gut und häufig belegt. Während in Gundi- natürlich got. *gunþi „Kampf“ vorliegt, ist das im Romanischen betonte Endelement (oder besser Grundwort) nicht sicher gedeutet. Falls es sich wirklich um lat. salvus "unversehrt" handeln sollte, was semantisch passen würde aber keineswegs gesichert ist, so handelte es sich um eine hybride gotisch-lateinische Namenbildung, für die es durchaus Beispiele gibt.