Hänsel und Gretel gelten als prototypische deutsche Namen, etymologisch sind sie hebräischen oder biblischen (Johannes) und griechisch-lateinischen (Margarita) Ursprungs, folglich und je nach Gesichtspunkt „jüdisch“ oder „welsch“ oder aber „international“ (vgl. Jean, Giovanni, Juan/João, John usw. mit den jeweiligen Ableitungen und Varianten).

Es verhält sich wie im allgemeinen Wortschatz: Wer denkt bei Keller an eine alte Entlehnung aus dem Lateinischen (cellarium) oder bei Zucker an eine Entlehnung aus dem italienischen zucchero (und dieses, zusammengefasst, aus dem arabischen súkkar, dieses wiederum aus dem Altindischen)? Es ist zu unterscheiden zwischen der direkten und der Fernetymologie. Bei Namenerklärungen sollte man sich dieses häufigen Dilemmas bewusst sein: Sind für Erklärung der Familiennamen Keller oder Zucker die entsprechenden deutsche Appellative ausreichend oder muss auf die Fernetymologie eingegangen werden? Das betrifft auch Familiennamen, die auf eine Örtlichkeit verweisen. Nehmen wir Berliner: Reicht die Identifizierung mit Berlin oder muss auch die Etymologie dieses Namens gegeben oder versucht werden?

Es mangelt nicht an Vornamenbüchern. Ob „Standardwerk“ oder schnell auf den Markt geworfene Zusammenstellungen, alle sind irgendwie voneinander abhängig, die Kommentare meist sehr knapp, in der Regel ohne Quellenangaben. Dadurch setzen sich Erklärungen als gesichert fest, obwohl so manches hinterfragt werden kann oder sollte. So wird etwa spanisch Diego meist mit Santiago in Verbindung gebracht. Dabei ist Santiago ein (gekürzter) Ortsname: Ausgehend vom berühmten Wallfahrtsort Santiago (d.h. Sanctus Iácobus) de Compostela im spanischen Galicien und als Leitfigur der „Reconquista“ (Sant’Iago Matamoros, Jakob der Maurentöter) hat sich die Advokation des Hl. Jakob in der „hispanischen“ Welt als Ortsname verbreitet (Santiago de Chile usw.), woraus im Portugiesischen der Vorname Tiago durch falsche Trennung entstanden ist. Die zahllosen Varianten von Iácobus bzw. Iacóbus ergeben keinen Weg zu Diego (alt auch Diago, mit der portugiesischen Variante Diogo), das unzweideutig mit dem im Mittelalter verbreiteten Namen Dídacus (mit den patronymischen Bildungen Díaz/Dias und Díez) identisch ist, wobei die genaue Herkunft und formale Entwicklung weiterhin im Dunkel liegen (korrekt inzwischen im Duden, Lexikon der Vornamen, 6. Auflage 2013).

Bei Franz ist die Identifizierung mit Franziskus und dieses wiederum mit dem Ordensgründer der Franziskaner (1182–1226) unbestritten. Erst mit ihm wurde das Adjektiv franciscus zum Personennamen, während etwa bei Antonius (1195–1231) oder Dominicus (1170?–1221) das Vorbild der Namenträger zur Namenmode führte, diese trugen aber selbst alterwürdige Namen. Allerdings gilt für den Hl. Antonius aus Lissabon, dass er seinen eigentlichen Namen Fernando (dieser wiederum ist westgotischen Ursprungs) mit dem Eintritt in den jungen Franziskanerorden gegen einen Klosternamen tauschte (Santo António de Olivares, bei Coimbra) und unter diesem Namen in Italien (Antonius von Padua) bekannt wurde. Der aus Spanien stammende Hl. Dominicus trug einen früh verbreiteten „sprechenden“ christlichen Namen ("der am Tag des Herrn geborene", vgl. domingo, domenico, dimanche "Sonntag"), der schnell zum Modenamen wurde (spanisch, portugiesisch Domingo, katalanisch Doménec, italienisch Domenico, französisch [alt Dimanche, noch als Familienname] Dominique, dieses epizön "zweigeschlechtlich").

Franziskus von Assisi, Sohn des Pietro di Bernardone, hieß mit Taufnamen Giovanni (offensichtlich im Anklang an den Namen der Mutter Giovanna). Nach einer Frankreichreise nannte ihn der Vater in Francesco um. In den Namenbüchern wird daraus interpretierend u.a. «Latinisierte Form zu Frank», «Latinisierung von italienisch Francesco» u.a. Eine zusammenfassende Version liefert die neueste Auflage des Dudens: «Der Heilige hieß eigentlich Giovanni Bernardone. Francesco (»Franzose«) wurde er nach Meinung einiger von seinem Vater genannt, als dieser nach seiner Geburt von einer Reise nach Frankreich zurückkehrte, andere dagegen sind der Ansicht, der junge Giovanni habe Sprache und Lebensart eines Franzosen so vorzüglich beherrscht, das ihm seine Freunde diesen Spitznamen gegeben hätten» (Duden, Lexikon der Vornamen, 6. Auflage 2013 [sic], s.v. Franziskus). Allerdings wird hier, unverständlicherweise, zwischen den Einträgen Franziskus und Franz getrennt, zu diesem letzteren werden der italienische Franz von Paula, die spanischen Franz von Borja und Franz Xaver, der Schweizer Franz von Sales gestellt, obwohl sie sich doch auf Franciscus und nicht Franz beziehen, so auch im Seibicke. In der ersten Auflage (Lexikon der Vornamen, 1968) stand unter Franziskus noch der Verweis auf Franz, hier findet sich allerdings als Erklärung «weil seine Mutter Französin war und weil er gut Französisch sprach», diese Interpretation auch in W. Seibicke, Historisches Deutsches Vornamenbuch, 1998, s.v. Franciscus. In der dritten Auflage (1998) wird noch Francesco als «Französlein» übersetzt. In allen Fällen fehlt ein Hinweis auf die Autoren derartiger Interpretationen. Gesichert scheint einzig die Reise des Vaters nach Frankreich.

Festzuhalten ist: Der Name Franciscus (und die daraus sich ergebenden internationalen Namenformen und Kurz- oder Kosenamen) geht auf den Beinamen oder Zweitnamen des Giovanni (di Bernardone) zurück und ist durch die historisch bedeutendende Persönlichkeit zum Modenamen geworden, wir erleben also die Geburt eines neuen Namens. Was aber ist franciscus? Die sprachliche Interpretation ist recht einfach: Der Name des westgermanischen Volksstammes der Franken wurde durch Ableitung mit dem germanischen Suffix -isk (deutsch -isch) zum ethnischen Adjektiv *frank?sk, mittellateinisch franciscus, wörtlich "fränkisch". Diese Ableitung ist unbedingt zu trennen vom Volksnamen Franke, der ebenfalls früh als Ethnikon (meist ohne sehr konkreten Bezug auf den spezifischen Volksstamm) und Personennamen gebräuchlich war (Frank und Franz sind etymologisch unterschiedliche Namen, keine Varianten desselben Namens). Das ins Spätlateinische übernommene Suffix -?sc hat sich in den romanischen Sprachen «lautgesetzlich» weiterentwickelt zu italienisch -esco (und wurde von hier aus in einer Reihe von Internationalismen wie pittoresk, grotesk u.ä. exportiert. Bei Francisco handelt es sich nicht um eine Latinisierung aus Francesco, sondern Francesco ist umgekehrt das normale italienische Ergebnis von lateinisch Franc?scus) oder dem französischen Doppelergebnis -ais/-ois, das in den überaus zahlreichen ethnischen Bildungen («Bewohnernamen») lautlich mit lat. -ensis zusammenfällt (altfranzösisch franceis > français/François gegenüber berlinois oder marseillais, aber lorrain "lothringisch" oder flamand "flämisch", mit -ing, ebenfalls einem Suffix germanischen Ursprung). Ein anderes Problem ist die jüngere deutsche Bezeichnung französisch < Franzose (und dieses aus franceis). Zu beachten ist, dass "Franzose" (franciscus, franceis) sich auf Francia/France bezieht und dieses auf das Herrschaftsgebiet der Kapetinger (im Großraum Paris, vgl. Île-de-France), das heutige Frankreich ist erst nach und nach entstanden.

Franz (mit Familiennamen wie Frenzel) ist ein ebenso prototypischer deutscher Name wie etwa Hans/Hänsel. Etymologisch geht er unmittelbar  auf das Italienische zurück. Dieses wiederum hat ein ethnisches Adjektiv (francesco) aus dem lateinischen Kontext des Mittelalters übernommen, das vom Volksnamen der Franken abgeleitet wurde, später aber durch eine jüngere Nachbildung aus dem Französischen français (das auf franciscus zurückgeht) zu francese abgelöst. Der französische Personenname François entspricht genau franciscus, das identische Ethnikon français ist lediglich eine phonetische Variante. Ursprünglich ist franciscus nichts anderes als "fränkisch", in genauer Parallele zu mittellateinisch teotiscus ("völkisch"), das zur Volksbezeichnung deutsch (italienisch tedesco) wurde. Man könnte also je nach Blickwinkel sagen, Franz (Kurzform aus lateinisch Franciscus) ist fernetymologisch ein «deutscher», jedenfalls aber ein germanischer Name, ebenso wie italienisch Francesco, spanisch Francisco, französisch François usw.

Zur Beliebtheit dieses Namens haben neben dem Ordensgründer und Namengeber eine ganze Reihe von historischen, geistlichen und weltlichen, Namenträgern beigesteuert. Besonders bemerkenswert vielleicht die onymische Rolle von Francisco (de) Javier, dem Mitbegründer des Jesuitenordens (vgl. Ignacio de Loyola > Ignaz) und Apostel Asiens (1506–1552). Im katholischen Süddeutschland meist als Doppelname Franz Xaver zu großer Beliebtheit gekommen, ist er in anderen Ländern meist in der gekürzten Form Javier, Xavier, Saverio gebräuchlich.. Es handelt sich hier um einen Ortsnamen (Herkunftsnamen), "Franz aus Javier", einem kleinen baskischen Ort in Navarra (gleiches gilt für Loyola, das sich aber wegen seiner weiblichen Endung kaum zum Personennamen eignete). Hierbei entspricht die deutsche Schreibung mit X- der alten spanischen Wiedergabe des Lautes (ungefähr) /sch/, der heute als „ach-Laut“ ausgesprochen wird (Graphie J-); entsprechend unrichtig ist die deutsche Aussprache /ks/ nach dem Buchstaben, nicht Laut.

Jeder Name hat seine eigene Geschichte, und zu den hier in aller Knappheit (und daher auch verzerrt) vorgestellten Namen ließen sich Monographien schreiben.