1. Die Ortsnamen Dommitzsch und Melpitz

Für keinen der beiden im Titel genannten Namen gelang es bisher, eine stichhaltige Erklärung zu finden, dabei ist die richtige Deutung der Ortsnamen die unabdingbare Voraussetzung für deren Auswertung für die Siedlungsgeschichte.

Dommitzsch, nw. Torgau, (965) Fälschung [vor 1004] Dumoz, (991) Kopie 1394 Domuki, 992 Thumuuz, 992 Domuiz, 1223 provincia Domitz, 1237 Domuts, Kopie 1272 Domutsch, 1350 Damusz, Damosz, Domucz, 1423 Damutzsch, 1434 Dommiczsch, aso. *Dъmǫci, dann *Dmuci ʻblasend, wehendʼ, zu aso. *dǫti, *dъmǫ, dann duti, dmu, oso. duć, duju ʻblasen, wehenʼ ʻSiedlung an windiger Stelleʼ oder ʻSiedlung an einer Stromschnelle, wo es Wirbel, d. h. Drehlöcher gibtʼ (Eichler/Walther 2001: I,204). Die Belege legen statt dieser nur schwer nachvollziehbaren Erklärung aus einem Part. Präs. Akt. aso. *Domuc < *Domǫt+jь ʻSiedlung des Domutʼ nahe. Der PersN Domut, ein im Vorderglied gekürzter VollN Domamut, beruht auf urslaw. *domъ ʻHausʼ, *doma ʻzu Hauseʼ, und *mǫtiti, aso. *mutiti, dazu oso. mućić ʻtrüben, umrühren; verwirren; schüren; in Unordnung bringenʼ (Rymut 2003: 60, 62; Schuster-Šewc 1978-1989: II,964f.). *Mǫt- erscheint in VollN öfters als Vorderglied, selten jedoch als Hinterglied, so z. B. in poln. Przemąt. Ganz ähnlich wie Dommitzsch ist † Dommlitz, sö. Calbe, gebildet, 1289 Domelutze, 1446 Domelitz, 1494 Domlutz, aso. *Domaľuc < *Domaľut+jь ʻSiedlung des Domaľutʼ (Bily 1996: 151).

Melpitz, sw. Torgau, 1251 Melpuz, 1359 Nicolaus Melpuz, 1378 Melpuz, Melpitz, zu aso. *put(c)-, oso. puć ʻWeg, Bahn, Tourʼ und oso. mjel, měl ʻTreibsand im Flußʼ ʻSiedlung am Sandweg (den Bach entlang)ʼ (Eichler/Walther 2001: II,26). Ein solches Kompositum wäre ganz ungewöhnlich unter den slaw. OrtsN, ebenso die hier angenommene Bedeutung und Motivation. Auszugehen ist vielmehr von aso. *Miłopuc < *Milopǫt+jь ʻSiedlung des Miłoputʼ mit dem Vorderglied des VollN Miłoput aus urslaw. *milъ ʻlieb, teuerʼ und dem Hinterglied aus urslaw. *pǫtati, dazu russ. putat´ ʻverwirren, Fesseln anlegenʼ, tschech. poutat, poln. pętać ʻfesselnʼ (Vasmer 1953-1958: II,468). Das Vorderglied *Pǫti- in solchen VollN wie skr. Putislav, poln. Pęcisław u. a. wurde bisher zu urslaw. *pǫtь ʻWegʼ gestellt, was mit der Semantik der urslaw. VollN nicht zu vereinbaren ist (Rymut 2003: 63). Als Vollnamenhinterglied ließ sich *pǫt- bisher nicht nachweisen, öfter kommen dagegen  KurzF von Putislav oder ähnlichen VollN vor, so russ. Putъ, Putjata u. a. (Tupikov 1989: 326f.; Ganžina 2001: 392f.).

Bei Dommitzsch, aso. *Domuc, und Melpitz, aso. *Miłopuc, handelt es sich zweifellos um OrtsN, die einer älteren Namenschicht angehören, nicht nur wegen des Ortsnamensuffixes -jь, sondern auch wegen der in den beiden OrtsN enthaltenen sehr seltenen VollN. Beide Siedlungen liegen an in die Elbe mündenden Bächen, Dommitzsch an einem kleineren Fließgewässer, Melpitz an einem größeren mit dem Namen Schwarzer Bach. Dieser ergießt sich in einen Teich, heute Großer Teich genannt, und fließt von dort bei Torgau in die Elbe. Urslaw. *Milopǫc und urslaw. *Domǫc wurden wahrscheinlich von den im 7. Jh. aus Böhmen kommenden und das Elbtal abwärts nach Norden wandernden ersten Ansiedlern vergeben. Sie sprachen noch einen urslaw. Dialekt, der im Laufe der Zeit in das Altwestsorbische überging, das sich im Raum zwischen Elbe und Saale herausbildete und das hier vereinfachend als Altsorbisch bezeichnet wird. Der Terminus Altsorbisch schließt darüber hinaus, wie allgemein üblich, auch das Altobersorbische und Altniedersorbische mit ein, das einst in der Ober- und Niederlausitz gesprochen wurde.

Nach der deutschen Eroberung wurde Dommitzsch, im Slawengau Scitizi gelegen, zu einem Burgwardhauptort mit einer starken deutschen Besatzung (Heßler 1957: 25f.; Karte). Sie übte im Auftrage des Markgrafen und Königs die Herrschaft über das Umland mit seinen zahlreichen slawischen Siedlungen aus und erhob von deren Einwohnern Abgaben, während die unter ihrem Schutz wirkenden kirchlichen Amtsträger für die Bekehrung der „heidnischen“ Wenden zum Christentum sorgten und begannen, eine Kirchenorganisation aufzubauen, Gotteshäuser zu errichten.

Literatur

Bily, Inge (1996): Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes, Berlin.
Eichler, Ernst / Walther, Hans (Hg.) (2001): Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, 3 Bde., bearb. von Ernst Eichler, Volkmar Hellfritzsch, Hans Walther und Erika Weber, Berlin.
Ganžina, Irina Michailovna (2001): Slovar´ sovremennych russkich familij, Moskva.
Heßler, Wolfgang (1957): Mitteldeutsche Gaue im frühen und hohen Mittelalter, Berlin.
Rymut, Kazimierz (2003): Szkice onomastyczne i historycznojęzykowe, Kraków.
Schuster-Šewc, Heinz (1978–1989): Historisch-etymologisches Wörterbuch der ober- und niedersorbischen Sprache, 4 Bde., Bautzen.
Tupikov, Nikolaj Michajlovič (1989): Slovar´ russkich ličnych sobstvennych imen (1903). Mit einem Vorwort von Ernst Eichler, Leipzig.
Vasmer, Max (1953–1958): Russisches etymologisches Wörterbuch, 3 Bde., Heidelberg.