Connewitz - ʻSiedlung, wo Pferde gehalten werdenʼ oder ʻSiedlung der Leute eines Końʼ?

Die Überschrift beinhaltet ein Grundproblem der slawischen Ortsnamenkunde, die Frage, ob ein bestimmter OrtsN (= Ortsname) von einem Appellativum oder von einem PersN (= Personennamen) abzuleiten ist. Von der Antwort hängen die Bestimmung des Ortsnamentyps, die Zuordnung zu einer chronologischen Schicht sowie siedlungsgeschichtliche Schlußfolgerungen ab. Im Historischen Ortsnamenbuch von Sachsen und in der Monographie über Alt-Leipzig und das Leipziger Land gibt es zahlreiche derartige Fälle ohne eine eindeutige Entscheidung. (Anm. 1) Um eine solche bemüht sich die vorliegende Studie zu Connewitz.

Connewitz, ehemal. Dorf, seit 1891 zu Leipzig, 1277 de Kvnawiz, 1335 Konenvicz, 1378 Kanewicz, 1465 Konnewitz, aso. *Końovic-, zu *koń ʻPferdʼ, Suffix -ovic- ʻOrt mit Pferdehaltern, - züchternʼ, kaum ʻLeute eines Końʼ.(Anm. 2) Man muß sich als Erstes fragen, ob die Dorfbewohner in jener Zeit in derartigem Umfang Pferdezucht betrieben, dass dies Anlaß zur Benennung der Siedlung gab. Wohl kaum. Dieselbe Frage stellt sich bei Oetzsch, s. Leipzig, Stadteil von Markkleeberg, 1197 Ovziz, aso. *Ov́cic- ʻOrt, an dem Schafe gehalten, gezüchtet werdenʼ. (Anm. 3) Bei der hier angenommenen Bedeutung wären übrigens beide Namen genauer als *Końevica bzw. *Ov́čica zu rekonstruieren.

In dem Aufsatz zur slawischen Besiedlung des Leipziger Landes im Licht der OrtsN wurde aso.*Konevici ʻLeute des Końʼ rekonstruiert, auf die Siedlung und nicht auf ihre Einwohner bezogen aso. *Konevicě ʻSiedlung der Leute des Końʼ. (Anm. 4) Bei Bezugnahme auf unbelebte Gegenstände trat an die Stelle des Nominativs die Akkusativform. Diese Regel wird oft nicht beachtet. Der PersN Koń, aus urslaw. *konь ʻPferdʼ, ist keineswegs selten. Er ist in Polen bereits im 14. Jahrhundert belegt, dazu später noch mit vielen Ableitungen. In altrussischen Quellen erscheint seit dem 15. Jh. öfters Konь und Konevъ, das Alttschech. kennt Kóň. Seltsamerweise kommt unter den sorb. PersN kein Koń vor. Sichere Ortsnamenentsprechungen zu *Konevici ließen sich bisher aus den westslawischen Siedlungsgebieten nicht beibringen, sieht man von dem gleichbedeutenden alttschech. Komonice ʻDorf der Leute des Komoňʼ ab. Alttschech. komoň, aus urslaw. *komonь, ist eine relativ seltene slawische Bezeichnung für das Pferd. Unter den russischen OrtsN gibt es zweimal Koneviči sowie einmal Koniči, wichtige unsere Deutung stützende Vergleichsnamen, die man bisher übersah.

Obige Deutung verlangt eine Antwort auf die Frage, warum man einen Menschen "Pferd" nannte. In Deutschland gibt es nach www.verwandt.de insgesamt 13 Personen mit diesem Namen. Die einschlägigen deutschen Familiennamenlexika führen ihn nicht an. Er ließe sich als Übername oder als Berufsname bestimmen, wie z.B. das Kompositum Pferdemenges ʻPferdehändlerʼ. Mit Pferd könnte jemand gemeint sein, der ein Pferd besitzt, Pferde züchtete usw. Die Wahl des Lexems *konь zur Benennung eines Menschen lässt sich in unserem Falle zutreffender aus der Rolle des Pferdes in den religiösen Vorstellungen der alten Slawen erklären. So besaß es u. a. prophetische Fähigkeiten, es half den Priestern, künftige Ereignisse vorauszusagen. Die mittelalterlichen Quellen berichten vom Pferd des Gottes Svarožic, einem Schimmel, vom Roß des Svantevit in Arkona, vom Kriegspferd des Triglav in Stettin sowie vom weißen Roß in Rethra. Das Pferd galt als Attribut des Kriegsgottes. Die Archäologen fanden als Grabbeigaben Pferdefiguren aus Bronze und Holz. Auch aus dem russischen Volksglauben ist das Pferd nicht wegzudenken. Welche konkreten Motive die Namenwahl und -vergabe bedingten, wissen wir nicht, jedenfalls sollten dem Namenträger auf magische Weise positive Eigenschaften und übernatürliche Fähigkeiten angewünscht werden.

Connewitz steht unter den OrtsN Sachsens keineswegs allein da. Denselben Namen trägt die Wüstung Connewitz, nördl. Wurzen, hinzu kommen noch die in gleicher Weise zu deutenden OrtsN Canitz-Christina, östl. Bautzen, sowie Cannewitz, nordöstl. Grimma. Alle diese Namen wurden bisher nicht eindeutig bestimmt. Das führt zu großen Problemen bei der Kartierung nach Ortsnamentypen und ihre Ausdeutung für die Siedlungsgeschichte: Wo soll man eine solche Form wie *Konevic- unterbringen, bei den Namen auf -ici oder auf -ica? Oder soll man sie ganz einfach als unklar kennzeichnen, wie das zuletzt in einem Buch zur Geschichte von Leipzig geschah? Wir entschieden uns in allen diesen Fällen für *Konevici. Die betreffenden Namen liegen alle auf siedlungsgünstigem Terrain, umgeben von weiteren alten Namentypen. Bei unserem Connewitz zeugen für eine sehr frühe Siedlung auch die Erkenntnisse der Archäologie, nach denen im 7./8. Jh. auf der relativ hochwassersicheren östlichen Terasse der Pleiße ein slawischer Rundweiler entstand.

Die Ableitung eines OrtsN von einem Appellativum oder von einem PersN hat, wie bereits einleitend erwähnt, weitreichende Konsequenzen für die Namenstratigraphie, d.h. die historische Schichtung der OrtsN, sowie für die Siedlungsgeschichte. Deappellativa rechnen im Allgemeinen zu den jüngeren Namenschichten, die patronymischen OrtsN auf *-(ov)ici zusammen mit einigen anderen Bewohnernamen zu den ältesten Namenstrata. Das geht aus zahlreichen Studien hervor, bei denen nicht nur Bildung, Bedeutung und Motivation der OrtsN, sondern auch die naturräumlichen und geographischen Gegebenheiten sowie die Ergebnisse der Nachbarwissenschaften Berücksichtigung fanden. (Anm. 5). Dabei galt als methodisches Grundprinzip, dass in der historischen Ortsnamenforschung Namenetymologie, -typologie, -geographie und -stratigraphie stets Hand in Hand zu gehen haben. Der allseitigen Beschreibung einer Namenlandschaft diente ferner die Namenstatistik. Wie die Betrachtungen zum PersN Koń zeigen, spielt nicht zuletzt die Volkskunde eine Rolle. Eine einseitig als linguistische Teildisziplin verstandene Namenkunde vermag die anstehenden Probleme nicht zu lösen, sie verbaut vielmehr den Zugang zu vielen weiterführenden Erkenntnissen. 

Anmerkungen:
  • Anm. 1: Eichler, Ernst / Walther, Hans (Hg.) (2001): Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, 3 Bde., bearb. von Ernst Eichler, Volkmar Hellfritzsch, Hans Walther und Erika Weber, Berlin; Eichler, Ernst / Walther, Hans (2010): Alt-Leipzig und das Leipziger Land, Leipzig.
  • Anm. 2: Eichler/Walther 2010: 154. f.
  • Anm. 3 Eichler/Walther 2010: 211.
  • Anm. 4 Wenzel, Walter (2015): Slawen in Deutschland. Ihre Namen als Zeugen der Geschichte, hg. von Andrea Brendler und Silvio Brendler, Hamburg, 251 f.
  • Anm. 5 Ebenda 192-224, 237-270.