I. 13. März 2013. Gerade hat sich der neue Papst den Gläubigen gezeigt. Einige Dinge sind aus namenkundlicher Perspektive vielleicht interessant, gewiss wird das eine oder andere dann in der Diskussion vorkommen. Papst Franciscus (die lateinische Form) ist Argentinier, aber italienischer Abstammung (die Eltern sind aus Italien eingewandert), sein Vorname ist spanisch (Jorge), sein Familienname italienisch (Bergoglio), sein Papstname wird erstmals gebraucht, er ist Mitglied des Jesuitenordens. Hier kommt einiges zusammen, das man kommentieren könnte.

Die Auswanderung sehr zahlreicher Italiener nach Argentinien ist ein historisches Phänomen, ebenso wie die Einwanderung insbesondere von spanischen Galiciern (Bos Aires ist die größte galicische Stadt) und Japanern. Ähnlich wie die USA ist Argentinien („Silberland“ weil am „Silberfluss“, Río de la Plata, gelegen) ein Einwandererland, in dem sich das Kastilische (Spanische) als Landessprache durchgesetzt hat. Die argentinischen Familiennamen spiegeln diese ethnische Vielfalt, allen bekannt aus Sport, Politik und Kultur. Papst Franciscus ist je nach Sichtweise (seine Muttersprache ist Italienisch) Italiener oder Argentinier der zweiten Generation, so wie Kinder eingewanderter Türken in Deutschland.

Nun also Kardinal Jorge (Georg) Bergoglio. Der Familienname ist selten und nicht ohne weiteres zu interpretieren, schon gar nicht von Laien. Daher bitte ich meine Kollegin Alda Rossebastiano von der Universität Turin, die beste Kennerin der piemontesischen Namengebung, um Hilfe. Sobald eine Antwort eintrifft, werde ich diesen Text in den Blog der GfN stellen. Sicher ist nur, dass Bergoglio aus dem Piemont (Turin, Asti) stammt.(1)

Die spanische Entsprechung Jorge des deutschen Géorg (nicht *Geórg, sondern nur Geórge) verdiente eine eigene Betrachtung, die auch die französisch-englische Lautung George (hieraus spanisch Jorge, in spanischer Lautung, und portugiesisch Jorge), katalanisch Jordi und italienisch Giorgio berücksichtigen muss. Dahinter steht eine ganze Kulturgeschichte.

Von Interesse ist die, vielleicht missverständliche, Namenwahl  Franciscus. Franciscus „der Erste“ kann logischerweise erst gebraucht werden, wenn es einmal einen „zweiten“ Papst namens Franciscus geben sollte; das „I.“ gehört daher nicht zum Namen des neuen Papstes. Zu diesem Namen gibt es einen Blogeintrag vom 21.11.2012. Vermutlich wird man die Namenwahl spontan mit Franz (oder Francesco, Francisco, François...) von Assisi in Verbindung bringen, was ja thematisch durchaus nahe läge. Doch bin ich überzeugt, dass der neue Papst zumindest auch, wenn nicht zuerst an den Mitbegründer des Jesuitenordens, Franz Xaver (Francisco de Javier), gedacht hat (2) und das Namenspiel mit den beiden bedeutendsten Franciscus ganz bewusst auskostet. Der Beiname des von Assisi wurde zu einem der beliebtesten Taufnamen, auch der aus Javier ist nach ihm benannt.

II. 16. März 2013. Gerade macht man mich auf eine deutsche Nameninterpretation von Bergoglio aufmerksam. Sie übernimmt unterschiedliche Einträge im DCI (ohne Quellenangabe). Ganz abwegig ist ein Verweis auf alte italienische Personennamen (PN) wie Albergo, Bonalbergo u.a. (auch Namen wie Albergatus), urspünglich Beinamen aus ital. albergo s.m. „Unterkunft, Herberge, Hotel“ < got. *haribergo (so wie westgermanisch *heriberga > dt. „Herberge“), eine Zusammensetzung mit „Heer“ und „bergen, schützen“. Ein langobardisches *bergan „schützen“ wird auch für ital. berga s.m. „Schutzwall gegen Überschwemmungen“ angesetzt (3). Ausschließlich in Frauennamen gibt es ein (recht beliebtes) german. Endglied: got. -bergo, westgerm. -berga (Typ Amalberga), dazu die bekannte Variante -burga (Typ Hildburg), das mit ahd. bergan verbunden wird (dazu Förstemann, Personennamen 273-275 u.v.m.). Als Erstglied (in seltenen Männernamen) ist die Interpretation schwieriger, jedenfalls wäre es zu trennen von einem sprechenden Kurznamen wie *Ber-ico „Bärlein“. Aufgrund dieser heterogenen Angaben auch den Deutschen „ihren“ Papst anzudienen, scheint fragwürdig.

Die Karten Bergoglio und Bergàglio (hier mit Akzent geschrieben, der im Italienischen nicht gebräuchlich ist, in Namenbüchern nur zur Anzeige der korrekten Betonung) stammen, wieder ohne Quellenangabe, aus dem italienischen Portal www.gens.info. Sie geben ein korrektes Bild (GENS nennt keine Zahlen), das sich konkret nach PatRom-Materialien (italienisches Finanzministerium) folgendermaßen erklärt:

Bergoglio (insgesamt 392) – 284 Torino – 79 Asti – 7 Alessandria – Ø Genova – 1 Novara – Ø Pavia
vs.
Bergaglio (insgesamt 635) – 16 Torino – 2 Asti – 492 Alessandria – 67 Genova – 22 Novara – 12 Pavia

Ob verwandt oder nicht, beide Namen Bergoglio und Bergaglio zeichnen sich durch eine vergleichbare Struktur aus, beide sind im Piemont beheimatet, doch haben beide FN unterschiedliche regionale Schwerpunkte. Vermutlich stammt der FN Bergoglio ursprünglich aus Asti. Sprachlich handelt es sich sicher um Ableitungen von einem Ausgangslexem berg-.

Zu Franciscus wird wieder die übliche Deutung als „Französlein“ gegeben, das wäre wie türkisch „*Türklein“, dänisch „*Dänlein“, deutsch „*Völklein“ oder verräterisch „*Verräterlein“: Das Lehnsuffix mlat. -iscus, (> ital. -esco, frz. -ais/-ois usw.) „(ethnisch) zugehörig zu“ geht auf german. -isk (> dt. -isch) zurück.

Man sollte bei der Interpretation „fremder“ Namen eine gewisse Vorsicht gelten lassen, wenn man sich in den entsprechenden Sprachen nicht bestens auskennt. Es reicht keineswegs, aus eventuell vorhandenen Namenbüchern etwas herauszuschreiben, was man selber gar nicht beurteilen kann. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Namenerklärung und Namenforschung.

III. Erst heute, am 7. Mai 2013, erhalte ich Antwort aus Turin. Frau Rossebastiano hatte der bekannten Turiner Zeitung La Stampa einen Beitrag zu „Bergoglio“ vorgelegt, der nun gerade in der Rivista Italiana di Onomastica/RIOn XIX (2013) 184–188 erschienen ist. In Zusammenfassung: Nach ihrer Interpretation reiht sich Bergoglio in die Liste der typisch piemontesischen FN auf -oglio ein. Ausgangspunkt ist offensichtlich der Ortsteil Bergoglio in Asti, es handelt sich unmittelbar also um einen Herkunftsnamen. Dieser geht wahrscheinlich auf einen PN Bergolius zurück, in der Bedeutung „Stadtviertel der Leute des Bergolio“. Dieser Personenname wiederum ist ebenfalls ein Herkunftsname: Bergolius „der aus Bèrgolo“, mit -ius-Suffix. Das reicht für die Erklärung des FN Bergoglio. Die „Fernetymologie“, d.h. die Herkunft des ON Bèrgolo (Cuneo) wird durch seine exponierte Höhenlage verständlich. Es kann sich eigentlich nur um eine Bildung mit indoeuropäisch *bherg „hoch“, keltisch usw. berg „Berg“, das mit briga konkurrierte, handeln. Das lateinische (unbetonte) Suffix -ulus hat deminutive (verkleinernde) Funktion, es handelt sich also um „kleiner Berg“ (3). Soweit die etymologische Erklärung des piemontesischen Familiennamens Bergoglio.

Zur Erinnerung: Die GfN hat das exklusive Recht, den aktuellen Teil der RIOn (internationale Aktivitäten/incontri, Projekte/attività) auf ihrer Homepage einzustellen. Der neueste Band ist inzwischen verfügbar.

Anmerkungen

(1) Das umfangreichste und beste (natürlich mit unvermeidlichen Fehlern behaftete) Familiennamenbuch Italiens ist das von Enzo Caffarelli / Carla Marcato, I cognomi d’Italia. Dizionario storico ed etimologico, 2 volumi, Torino: UTET 2008 (= DCI). Für die Vornamen ist maßgebend das Werk von Alda Rossebastiano / Elena Papa, I nomi in Italia. Dizionario storico ed etimologico, 2 volumi, Torino: UTET 2005 (= DNI).

(2) Sehr früh wurde Franz Xaver – 7.4.1506 (bei Pamplona) bis 3.12.1552 (China), Heiligsprechung zusammen mit Ignatius von Loyola 1622 –, einer der bedeutendsten Missionare und „Apostel Indiens und Japans“, durch seine umfangreiche Korrespondenz und sein vorbildhaftes Leben berühmt. Bereits 1600 erschien die umfangreiche Historia da Vida do Padre Francisco de Xavier do que fizerão na India os mais Religiosos da Companhia de Iesu  des portugiesischen Paters João de Lucena (Faksimile-Ausgabe, 2 Bände, Lisboa: Agência Geral do Ultramar 1952).

(3) Vgl. zuletzt LEI (= Max Pfister / Wolfgang Schweickard, Lesssico etimologico italiano), Germanismi, a cura di Elda Morlicchio, I,714.

(4) Das Standardwerk ist das Dizionario di toponomastica. Storia e significato die nomi geografici italiani, hg. von Giuliano Gasca Querazza, Carla Marcato, Giovan Battista Pellegrini, Giulia Petracco Sicardi, Alda Rossebastiano, Torino: UTET 1997.