Das große katholische Fest der allgemeinen Heiligenverehrung spielt in der Namengebung eine eher bescheidene Rolle, ist aber im Prinzip vergleichbar mit den zentralen Festen Weihnachten (Natalis) und Ostern (Paschalis). Es begegnen Personennamen (Rufnamen und Familiennamen) und Ortsnamen, deren Interpretation formal eher unproblematisch, inhaltlich gelegentlich schwerer nachvollziehbar ist. Der Bezug auf "alle Heiligen" (omnes Sancti) findet sich in Kloster- und Kirchenbenennungen; zu diesem Bezugsort können Familiennamen entstehen. Als Ergänzungsname "N.N. aller Heiligen" findet sich in religiösen (Mönche, Geistliche) aber auch weltlichen Rufnamen; hieraus können wiederum Familiennamen entstehen.

Im deutschen Sprachraum ist der Orts- und Familienname Allerheiligen gut belegt, findet in den üblichen Namenbüchern allerdings keine Erwähnung. Als Familienname begegnet er auch in den USA (inbesondere in Hanover, Kansas, auch in Nebraska und anderswo). Als adliger Vorname gilt die lateinische Form (et) Omnes Sancti als spezifisch für die Wittelsbacher und Bandwurmnamen wie Luis Alfonso de Baviera y Borbón, Infante de España, mit vollem Namen: Luis Alfonso Ferdinando Christin Adalbert Tereso (sic) María de Guadalupe Santiago Isidore Ramón Josef Antonio omnes Sancti María de Expectación de Baviera Borbón (1906-1983), Elisabeth Charlotte Alphonsa Christina Theresia Antonio Josephina Roberta Ottonia Franziska Isabella Pia Marcus d'Avano et omnes Sancti von Österreich (1922-1993), Maria Odette Luise Antonia Omnes Sancti von Brentano (*1924), Marie, Herzogin von Mecklenburg, mit vollem Namen: Marie Catherine Elisabeth Henriette Friederike Sophie Josephine et omnes sancti, verh. Wasielewski (*1949), Prinzessin Nora von Liechtenstein, mit vollem Namen: Norberta Elisabeth Maria Assunta Josefine Georgine et omnes sancti (*1950) usw. Von den Standesämtern wurde der Name als veraltet und heute nicht mehr üblich abgelehnt, doch hat ihn Hessen als dritten Vornamen et Omnes Sancti (!) genehmigt. Als Präzedenzfall gehört dieses Gebilde, man mag dazu stehen wie man will (zu verstehen nur als Namenzusatz nach vorausgehenden Heiligennamen), damit zum aktuellen Namenschatz.

Im romanischsprachigen Kontext sind zahlreiche Formen als Personen- und Familiennamen üblich. Ohne auf Einzelheiten einzugehen - der Namenkomplex "Allerheiligen" verdiente eine spezifische Untersuchung - hier eine knappe Aufzählung der entsprechenden Namenformen (1).

Besondere Verbreitung hat Allerheiligen als Personenname in der der Form Santos auf der Iberischen Halbinsel gefunden. Allerdings ist Santos mehrdeutig, da es neben "allen" Heiligen ([todos los] Santos, etwa Ortsname Tosantos in Burgos, 82 Familiennamen) auch nur Plural von Heiliger (santo) sein kann; dieses begegnet häufig als Ortsname Los Santos (Spanien, hierher wohl Los Santos 301 (Rioja) / Losantos 878, de Santos 3.198) oder Santos (Portugal). Eindeutig sind die Referenznamen de los Santos (14.207, dazu) bzw. die sehr häufigen galicischen (Spanien 21.337) und portugiesischen dos Santos bzw. Dosantos (Spanien 915). Davon zu trennen ist der sehr häufige Familiennamen Sanz (189.100), der auf einen alten Rufnamen *Sanctius zurückführt; in Katalonien kann Sans (11.742) sowohl auf diesen wie auf die Pluralform Sants als Entsprechung zu Santos zurückgehen. Ebenfalls zu Allerheiligen gehört der Familienname Santoro (Spanien 1.252); im Portugiesischen könnte er sich auf bestimmtes Brauchtum zu Allerheiligen (Brot, Kuchen, Obst) beziehen.

Alle diese Namentypen sind historisch greifbar (2). Die Bildung geht offensichtlich aus von spezifisch christlichen Namenbildungen (zuerst vielleicht Klosternamen) wie z.B. dos Anjos (Engel), da Cruz (Kreuz), do Nascimento (Weihnachten), dos Reis (Der Könige), dos Ramos (Palmsonntag) usw.

Die meisten dieser Referenzen begegnen auch als Kirchen- oder Klosterpatrozinien. Als Ortsname etwa das Lissabonner Kloster/Pfarrei Santos-o-Velho (o moesteyro de Santos a.1565, João Rodriguez cura de Sanctos a.1591, Barbara Correa de Sanctos o Uelho a.1598 u.a.) oder Benito Ferrandez vezino a Omnium Sanctorum a.1426 (Sevilla), das kastilische Tosantos (Gaspar de Tosantos a.1591 usw.), als Rufname Santos (Sanctos Fernandez a.1576 usw.), Sanctorun de Olarte (a.1589) usw. oder Namenergänzung Luçia de Todos los Santosa.1509, Branca dos Santos a.1565, Andres Sanctos a.1570 usw.

In Italien ist die Namenvielfalt am größten, eine genauere Überprüfung wäre interessant. Grundlage des Rufnamens und des darauf zurückgehenden Familiennamens ist die Kürzung aus dem Genitiv Plural Sanctorum (omnium): Santoro 50.499 / Santori 2.901, Santoru 586 (Sardinien), Santorum 234 (Schwerpunkt Trient), Del Santoro 19, Di Santoro 43, Santorio 90, Santorello 6 / Santorelli 1671 / Santoriello 2.282, Santorino 60 / Santorini 39, Santora 8 / Santore 18 (Feminisierung). Vielleicht als Kürzung aus Sanctorum oder aber selbständiger Name Sanctus ist auch Rufname Santo zu interpretieren. Die überwiegende Pluralform spricht eher für unseren Zusammenhang: Santis 31, De Santis 37.488 / Dessantis 201 / De'Santis 5 / Desantis 1.475, Disantis 21 gegenüber Santo 3.421 / Santi 16.269, De Santo 1.588 / Desanto 10 / Dessanti 201 / Desanti 101, Di Santo 7.957 / Di Santi 695 / Disanti 97, wohl auch Delli Santi 1.014 / Dellisanti 858. Dem deutschen Omnes Sancti entspricht im Italienischen der Rufname Ognissanto (eine wie im Französischen formal unkorrekte Mischbildung Plural+Singular), als Familienname Ognissanto 78 / Ognisanto 42, Ognissanti 676 / Ognisanti 32. Dazu gesellt sich Tuttisanti 25 (Apulien). Damit verwandt scheint Moltisanti 496 (Ragusa, Sizilien) / Multisanti 25 (Catania, Sizilien) "viele Heilige", weniger wahrscheinlich ist eine Umdeutung aus einem Örtlichkeitsnamen Montesanto "heiliger Berg" (vgl. Montesanti 843 / Montessanti 6, Montisanti 55).

Die historische Überlieferung ist reichhaltig: Petrus Omniasancti a.1233, Mancinus Omniasanctis a.1446, Sanctorum de Laurino a.1221, iudice Brittoldo Sanctoro a.1240, Sanctorus de Joanna a.1269, Nicolaus de Sanctiis a.1269 = Nicolaus de Sanctoro a.1301, dompna Benedecta uxor Sanctorum picziculatu s.12/14 usw. In Frankreich ist die Rufnamenform Toussaint, Rückbildung ohne Pluralmarkierung aus (la feste) tous sainz, vorherrschend. Darauf geht der Familienname Toussaint 14.958 (mit starker Konzentration im Département des Vosges) zurück; die Pluralform Toussaints ist praktisch inexistent (11). In der historischen Überlieferung findet sich die lateinische Referenz wie etwa in Roberto de Omnibus Sanctis a.1205, Francisci Sainton dictus Sanctorum a.1565 usw.

(1) Frequenzangaben für Frankreich: Geburten zwischen 1891 und 1990, Italien: Steuerpflichtige (1987), Spanien: Gesamtbevölkerung (Stand 1.1.2014).

(2)  Die historischen Beispiele aus der Dokumentation der Projekte PatRom, Berufsnamenglossar und Kremer privat.