Kommentar

Für erstaunliche Aufregung in bestimmten Medien, aber auch unter mehr oder weniger Betroffenen, sorgte kürzlich der von der Sächsischen Zeitung reißerisch aufgemachte Titel: der deutschlandweit einzige Studiengang Namenkunde falle in Leipzig den Sparmaßnahmen des Landes zum Opfer, der „Fachbereich“ Namenkunde werde aufgelöst. Diese Aussage ist unrichtig (wie die nicht konsultierte Universität umgehend korrigierte), gleichzeitig zeigt das Echo, wie leicht manipulierbar populär-wissenschaftliche Themen sein können.

Zur Sache: Mit dem Ausscheiden des letzten Stelleninhabers (2008, d.h. vor fünf Jahren) wurde die (deutschlandweit einzige) Professur für Namenforschung in zwei kontroversen, eigentlich skandalösen Verfahren umgewidmet und besetzt, die Professur ging schließlich für alle verloren (mit gleichem Recht könnte man sagen, die Linguistik, nicht die Namenkunde habe eine Professur verloren). Die offizielle Abwicklung ist offensichtlich noch nicht erfolgt. Gleiches gilt für einen Master-Studiengang „Onomastik“, der – in höchstem Maße unzufriedenstellend zusammengestellt und den Vorgaben nach unstudierbar wäre – ausgesetzt ist und für den nie Studierende eingeschrieben wurden. Dieser soll nun, laut Universitätsplanung, 2016 definitiv entfallen. Diese beiden Fakten werden in der Pressemitteilung der SZ aufgebauscht zu einem „aktuellen“ Problem. Erstaunlich, dass die Öffentlichkeit derart überrascht und empört reagiert. Dabei ist dieses öffentliche Interesse grundsätzlich außerordentlich begrüßenswert.

Die Namenforschung ist an der Universität Leipzig weiterhin präsent, diese Präsenz wurde auch von offizieller Seite ausdrücklich bestätigt. Im Rahmen des Namenkundlichen Zentrums wird das dreisemestrige Wahlfach „Onomastik“ (mit einem Einführungsmodul (6 SWS), einem Personennamenmodul (6 SWS) und einem Ortsnamenmodul (6 SWS) als Personen- und Ortsnamenforschung) für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiengänge angeboten. Diese Module gehören seit ihrer Einführung 2011 zu den am meisten nachgefragten der Philologischen Fakultät: auf die insgesamt 30 Plätze bewerben sich regelmäßig zwischen 200 und 300 Studierende, der Frust der Abgewiesenen ist entsprechend groß. Integrierender Bestandteil der Module sind von der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung/GfN angebotene Workshops zu einschlägigen Themen (jeweils drei pro Semester).

Neben der Lehre ist das Zentrum wissenschaftlich aktiv. In Zusammenarbeit zwischen der Philologischen Fakultät und der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung/GfN (die im Leipziger Forschungsumfeld gegründet wurde) werden die wissenschaftliche Zeitschrift Namenkundliche Informationen und die Reihe Onomastica Lipsiensia herausgegeben, die erstere mit großzügiger Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, beide betreut vom Leipziger Universitätsverlag. Regelmäßige wissenschaftliche Tagungen in Zusammenarbeit zwischen Universität/Namenkundliches Zentrum und GfN wurden/werden angeboten und die entsprechenden Akten publiziert:

  • Onomástica Galega II (2008, mit der Xunta de Galicia)
  • Die Stadt und ihre Namen (2010 und 2013)
  • Fremde Namen (2015, mit dem Arbeitskreis Namenforschung)
  • Berufe und Namen (2016)
  • Namen und Übersetzung (2016, mit dem IALT)
  • Kirchenbücher als namenkundliche Quelle (2017)

Hinzu kommen gewichtige Buchpublikationen (Familiennamen im Deutschen 2009/2011) und die Beteiligung an weiteren Tagungen der GfN an den Universitäten in Tübingen (Namen und Geschichte, 2014), Jena (Namen und Kulturlandschaften, 2014) und Regensburg (Namen und Recht, 2015). Auch als öffentliches Service-Zentrum ist die Universität Leipzig gefragt. In den beiden Namenberatungsstellen stehen die besten Absolventen des ehemaligen Studiengangs für Gutachten hauptsächlich zu Fragen bezüglich Vornamen und zur Erklärung von Familiennamen bereit. Diese Institution besteht seit den 60er Jahren und ist, neben jüngeren anderen Auskunftsstellen und kommerziellen Privatunternehmen, bundesweit anerkannt.

Die empfindliche Reaktion der Öffentlichkeit auf die eingangs genannte Nachricht zeigt, dass Namenforschung und Universität Leipzig als etwas Herausragendes wahrgenommen werden. In der Tat galt Leipzig lange als Hochburg dieser Disziplin, die sich durch ihre fächerübergreifende Ausrichtung nur schwer einordnen lässt, Schwerpunkt sind allerdings Sprachen und Geschichte. Hierbei gibt es eigentlich keine Namenforscher, sondern Forscher der einzelnen Disziplinen, die sich der Eigennamen im Besonderen als sprachlichen oder historischen Gegenstand annehmen. Gleichzeitig sind „Eigennamen“ etwas, von dem jeder „betroffen“ ist und jeder etwas zu sagen hat. Daher die auffallende Popularisierung bestimmter Fragestellungen, die aber deutlich und wertungsfrei von wissenschaftlicher Forschung unterschieden werden sollte: „akademische“ und populärwissenschaftliche Beschäftigung mit namenkundlichen Themen sind zwei durchaus unterschiedliche Betrachtungsweisen, sie vertragen sich keineswegs selbstverständlich.