In diesem Jahr konnte die italienische Gesellschaft für Literarische Onomastik Onomastica e Letteratura ein Jubiläum feiern: Bereits zum 20. Mal wurde im jährlichen Rhythmus in einem interdisziplinären Kreis von hauptsächlich Romanisten, Germanisten, Anglisten und Klassischen Philologen über Aspekte der literarischen Onomastik diskutiert. Fand die letztjährige Tagung in Genua statt, so kehrten die Teilnehmer dieses Jahr wie gewohnt in zweijährigem Wechsel an die „Heimatuniversität“ Pisa zurück und versammelten sich in der Aula Magna des Dipartimento di Filologia, Letteratura e Linguistica in dem im Historischen Zentrum günstig gelegenen Palazzo Matteucci. Verantwortlich für den Kongress waren Frau Prof. Dr. Maria Giovanna Arcamone (Universität Pisa), Herr Ass. Prof. Dr. Davide De Camilli (Universität Pisa), Herr Prof. Dr. Luigi Surdich (Universität Genua), Frau Ass. Prof. Dr. Donatella Bremer (Universität Pisa) sowie Frau Prof. Dr. Maria Serena Mirto (Universität Pisa)

Insgesamt wurden 22 Vorträge gehalten, die sich auf fünf unterschiedlichen Themenkreise verteilten:

1. "Die Namen im künstlerischen Kontext".

Es ging hier um die Benennung von Kunstwerken sowie von Künstlern, u. a. um den Einfluss der Totenmaske einer unbekannten jungen Frau auf verschiedene literarische Gestalten bzw. Namen (Elena Bonelli), um die sprachliche Anpassung der Namen nordeuropäischer Künstler, die in Italien arbeiteten (Caterina Virdis Limentani - Maria Vittoria Spissu), um "Die visionäre Onymie William Blakes" (Claudia Corti), um die Benennungen von Bildern des Typs "Madonna mit Kind" (Enzo Caffarelli), um die Namen des Parthenons von Athen (Anna Ferrari).

2. Dem Thema "Der Name bei Dante" hätte sich nur Annamaria Carrega gewidmet, die abwesend war.

3. Etwas mehr Zuspruch fand das Thema "Krieg, Literatur und Zeugenschaft".

Zwei der vier Vorträge galten D'Annunzio (Patrizia Paradisi und Angela Guidotti); die Namen in einem Roman des türkischen Autors Yasar Kemal behandelte Roberto Peroni. Das Thema "Zeugenschaft" kam im Vortrag von Rosanna Pozzi zur Geltung, die über Namen in Kriegstagebüchern sprach.

 

 

4. Der umfangreichste Teil der Tagung galt dem Bereich "Die Rezeption des literarischen Namens".

Unter dieser Rubrik fanden sich auch die meisten Referate, denen Themen aus der deutschsprachigen Literatur zugrunde lagen. Leider konnte Francesca Boarini ihren angekündigten Vortrag über falsch verstandene Namen in Walter Benjamins "Berliner Kindheit" nicht halten, doch wird er wie die übrigen vier ausgefallenen Vorträge (von Annamaria Carrega, Samuele Fioravanti, Pasquale Marzano, Aleksandra Pronińska) in Band 18 von "il Nome nel testo" abgedruckt werden. Einem historio-pragmalinguistischen Thema war Rosa Kohlheims Vortrag gewidmet: Sie analysierte den Gebrauch der Familiennamen und unterschiedlicher, sozial gestaffelter Anredeformen in Theodor Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel", während Volker Kohlheim vorschlug, zwischen Ambivalenz, Ambiguität und Ironie bei literarischen Namen zu differenzieren. Klaus Vogel untersuchte die Namen in Goethes "Wilhelm Meister". Die sprachgeographische Angemessenheit der Onymik in einigen im niederdeutsch-skandinavischen Bereich angesiedelten Abenteuer- und Unterhaltungsromanen untersuchte Valentina Daniele. Ausgehend vom französischen Erfolgsstück und Film "Le Prénom", in dem es u. a. um den als Adolf missverstandenen Vornamen Adolphe geht, stellte Richard Brütting verschiedene Typen problematischer Eigennamen vor und fragte nach den psychosozialen bzw. juristischen Gründen für ihre Ablehnung. Italienischen Autoren galten die Referate von Francesco Sèstito (Carlo Dossi), Nunzio La Fauci (Alberto Arbasino) und Giusi Baldissone (Primo Levi). Carlo Titomanlio schließlich sprach über "Hipponomastik zwischen Kunst und Literatur".

5. Der letzte Themenkreis galt der Unangemessenheit des literarischen Namens.

Diese behandelte generell Leonardo Terrusi, während Tiziano Torraca diese in einem Werk Paolo Volponis nachwies. Piero Ricci sprach über Herculin Barbin. Aufsehen erregte Max Siller (Innsbruck), der die literarhistorische Bedeutung von Namen am Beispiel der mittelalterlichen deutschen Heldenepik aufzeigte: Wenn nachgewiesen werden kann, dass z. B. in den Sagenprämissen des Nibelungenliedes (das im 5. Jh. nicht existierende) Wien (stat ze Wiene) die römisch-burgundische Kapitale Vienne und (das im 5. Jh. ebenso wenig existierende) Xanten (ze Santen) die römisch-westgotische Kapitale Saintes (im 5. Jh. Santoni) gewesen sein müssen - und Ähnliches gilt von Namen in der Dietrichepik -, dann muss die Sagengeschichte neu überdacht werden.

Auch drei neue Publikationen konnten vorgestellt werden: Band XVII der Zeitschrift "il Nome nel testo" (s. im Onomastik-Blog unter "Ankündigungen"), das bibliographische Werk "L'onomastica letteraria in Italia dal 2006 al 2015. Repertorio bibliografico con note introduttive", bearbeitet von Leonardo Terrusi (Edizioni ETS, im Druck), und das Sammelwerk "La nominatio in Grazia Deledda e in Carlo Cassola. Prove di ricerca", hrsg. von Maria Giovanna Arcamone und Simone Pisano (Edizioni ETS, im Druck). Das Buch, das das Ergebnis mehrjähriger Seminararbeit der Pisaner Studenten ist, wurde von Herrn Prof. Dr. Luca Curti vorgestellt.

Die thematisch breit gefächerte Tagung präsentierte erneut die in Italien so lebendige literarische Onomastik. Gewiss verdankt sie ihr reges Leben in diesem Land der Gesellschaft O&L (Onomastica e Letteratura), geleitet von Maria Giovanna Arcamone, Davide De Camilli, Luigi Surdich, Donatella Bremer und Giorgio Sale (in Zusammenarbeit mit Marco Bardini, Simona Leonardi, Matteo Milani, Maria Serena Mirto, Leonardo Terrusi). Ihrem unermüdlichen Einsatz ist es vor allem zu verdanken, dass die Tagung in angenehmster Atmosphäre nun schon zum 20. Mal stattfinden konnte. Auch der Ort der nächsten Tagung steht schon fest: Sie soll im Herbst 2016 in Palermo stattfinden. Genauere Auskünfte sind ab Frühling 2016 von Ass. Prof. Dr. Donatella Bremer [donatella.bremer@unipi.it] zu erhalten.