Linguistik der Familiennamen

Fußballernamen (für Sportmuffel: Schweini ist Kosekurzform oder „Spitzname“ für den FC-Bayern-Spieler Schweinsteiger) und der Name der Bundeskanzlerin waren ein viel beachtetes Thema des diesjährigen Symposiums des Arbeitskreises für Namenforschung (AKNF). Sie fand am 1. und 2. Oktober 2012 in den prominenten Räumen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz statt. Das Thema: „Linguistik der Familiennamen“.

Was die Familiennamen mit der Mainzer Akademie zu tun haben, wurde in den Begrüßungsreden seitens der Vertreter der Akademie, besonders aber durch die Einführung von Damaris Nübling, Mainz, klar: An der Mainzer Akademie ist unter ihrer Leitung das Mammut-Projekt eines Digitalen Familiennamenwörterbuchs Deutschlands (DFD) beheimatet, das dort seit kurzem nach langer Vorbereitungszeit in Kooperation mit der Technischen Universität Darmstadt (Nina Janich) gestartet wurde.

Was „Linguistik der Familiennamen“ bedeutet, wurde insbesondere durch die zahlreichen Referate (ich habe acht gezählt) der Schülerinnen und Schüler von Damaris Nübling geklärt. Es ist zweifellos verkürzt, trifft aber einen wichtigen Punkt, wenn man als ein zentrales Thema dieser Vorträge die grammatikalische Klärung (als Kompositum) des häufigsten Familiennamens des Typs Angela Merkel und sein historisches Zustandekommen heraushebt. Beeindruckend waren Form und Inhalt der durch eine junge Namenforscher-Generation getragenen Vorträge: jeweils selbstverständlich Power-Point-Präsentation sowie quantitative und qualitative Auswertung digitaler Korpora.

Neben der rein grammatischen Perspektive widmeten sich die Referenten auch der wichtigen Frage der Pragmatik der Familiennamen, die nach Sprachregionen und Textsorten (besonders Zeitungstexten) ausdifferenziert wurde. Im Zusammenhang solcher Referate und ihrer Diskussion wurde der „Terminus“ Spitzname zwar verwendet, sein vager namentheoretischer Status konnte jedoch nicht präzisiert werden. Neben vielen Referaten, die sich projektkonform mit deutschen Familiennamen befassten, waren die Vorträge nicht zu übersehen (zu überhören), die sich mit nicht-deutschen Familiennamen befassten: Die Referate zu den Familiennamen der katalanischen, schwedischen, niederländischen, litauischen, luxemburgischen und ungarischen Sprechergemeinschaft garantierten den internationalen Rang des Symposiums.

Den absoluten sprach- bzw. zeichentheoretischen Höhepunkt gab es gleich zu Beginn der Vortragsreihe: der Auftritt von Professor Christian Rathmann, des ersten gehörlosen Professors in Deutschland. Mit Hilfe zweier Gebärdensprachdolmetscherinnen gelang es ihm durch seinen Vortrag „Namengebärden in der Deutschen Gebärdensprache“, die versammelten Namenkundler zu faszinieren und zur Bewunderung hinzureißen. Sie hatten verstanden, dass durch Konventionalisierung eines (körperlichen) Merkmals der zu benennenden Person und dessen appellativische Umsetzung Personennamen in der Gebärdensprache möglich sind.

Heinrich Tiefenbach, der Vorsitzende des AKNF, bedankte sich am Schluss der Tagung für eine perfekte Organisation. Besonders beeindruckten das Engagement und die Begeisterung der Nachwuchs-Forscherinnnen und -Forscher für die Linguistik der Familiennamen – auch in der Diskussion. Dieter Kremer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung e.V., ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, um das freundschaftliche Verhältnis von AKNF und GfN hervorzuheben und für eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit beider Organisationen zu werben, die sich in drei Jahren Anfang Oktober 2015 bei der nächsten Tagung des AKNF in Leipzig mit dem Thema „Fremde Namen“, das in einigen Mainzer Vorträgen schon anklang, konkretisieren wird.