Am 18. und 19. September 2017 fand in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz eine Tagung zum Thema "Toponyme - eine Standortbestimmung" statt. Veranstaltet und organisiert wurde die Tagung von Kathrin Dräger, Rita Heuser (beide Universität Mainz) und Michael Prinz (Universität Zürich). Sie stellte u.a. die Frage nach Beschäftigungsfeldern der Ortsnamenforschung jenseits der traditionellen historisch-philologischen Namenlexikographie.

Der erste Tag war Vorträgen aus den beiden Bereichen Namengrammatik und Benennungsstrategien/ Orientierungssysteme gewidmet.

Thomas Stolz und Nataliya Levkovych (Bremen) referierten zur toponymischen Morphosyntax unter typologischer Perspektive und boten Einblick in die verschiedenen morphologischen Realisierungen toponymischer Angaben in europäischen und außereuropäischen Sprachen. Rüdiger Harnisch (Passau) zeigte materialreich die Entwicklung eines toponymischen Interfixes auf. Simon Kistler (Bern) und Mirjam Schumacher (Zürich) stellten ihre jeweiligen Dissertationsprojekte zu Lautentwicklungen in Deutschschweizer Ortsnamen vor. Annika Hauzel und Anne Rosar (Mainz) präsentierten Ergebnisse einer korpuslinguistischen Auswertung zu den Gattungseigennamen. Elke Ronneberger-Sibold (Eichstätt) referierte über die Verwendung und stilistische Funktion von Toponymen in Warennamen. Verena Ebert (Würzburg) eröffnete den Themenkomplex Benennungsstrategien/ Orientierungssysteme mit einem Vortrag über ihr Dissertationsprojekt zu den Benennungsstrategien für koloniale Straßennamen im deutschsprachigen Raum. Der Politologe Tim Nieguth (Ontario) sprach über die Stationsnamen des U-Bahn-Systems in Toronto und analysierte diese im Hinblick auf ihre politische Signalfunktion in einer multiethnischen Gemeinschaft. Julian Jarosch und Lena Späth (Mainz) stellten ihre quantitative synchrone Untersuchung eines retrodigitalisierten Eigennamenwörterbuchs zu den Ortsbeschreibungen einer nordafrikanischen Berbergruppe vor. Inga Siegfried (Zürich) sprach über die Klassifikation und die soziale Funktion inoffizieller Ortsnamen und die Möglichkeiten ihrer Erhebung. Theresa Schweden stellte ihr Forschungsprojekt zu den Motiven und Funktionen von Hausnamen vor.

Der zweite Tag bot Vorträge zu den Themenkomplexen Toponyme und Siedlungsgeschichte, Mehrnamigkeit/ Exonyme sowie zu Fragen der Digitalisierung und Visualisierung.

Zu Beginn setzte sich Dieter Geuenich (Duisburg) kritisch mit dem historischen Zeugniswert von Ortsnamen(typen) für die Siedlungsgeschichte auseinander. Irmtraut Heitmeyer (München) referierte über die Wichtigkeit des Einbezugs von kulturhistorischen, soziologischen und raumorganisatorischen Faktoren in die Erforschung von Namenlandschaften. Kirstin Casemir (Münster) sprach über den Stand des Akademieprojekts Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe und zu Fragen und Problemen der Digitalisierung der Forschungsdaten. Holger Wochele (Wien) eröffnete den zweiten Themenkomplex und stellte seine Forschungsergebnisse zum Vorkommen interlingualer Mehrsprachigkeit und dem sprachpolitischen Umgang mit dieser vor. Albrecht Greule (Regensburg) beschäftigte sich mit theoretischen und terminologischen Aspekten der toponymischen Polyonymie. Daniel Kroiß besprach seine Untersuchung von frühneuzeitlichen Universitätsmatrikeln hinsichtlich der Verwendung latinisierter und gräzisierten Herkunftsangaben.

Der Nachmittag des zweiten Tagungstages widmete sich dem Themenkomplex Digitalisierung/Visualisierung, der auch in den bisherigen Vorträgen schon mehrfach diskutiert worden war. Sandro Bachmann (Zürich) präsentierte eine quantitative Analyse von Brückennamen auf Basis öffentlich zugänglichen Ortsnamendatenbanken. Jacqueline Reber (Basel) zeigte die Visualisierungsmöglichkeiten toponomastischer Forschungsdaten in namengeografischen Verteilungskarten und den daraus erwachsenden Erkenntnisgewinn. Gerhard Rampl (Innsbruck) referierte über ein von der ÖAW gefördertes Korpusprojekt, das die Jahrbücher der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins erfasst und die so von einer ForscherInnengruppe auch hinsichtlich der darin vorkommenden Bergnamen ausgewertet werden können. Luzius Thöny (Bern) beschäftigte sich mit verschiedenen Präsentationsformen toponymischer Daten im Internet und diskutierte weitere Digitalisierungs- und Anwendungsmöglichkeiten. Jürgen Udolph (Leipzig) stellte seine Medienaktivität vor und sprach über das über eine Radioplattform zugänglich gemachte Thüringer Ortsnamenregister. Abschließend referierte Christian Zschieschang (Leipzig) zu den Herausforderungen, Problemen und Chancen der Digitalisierung für die Erforschung und Präsentation toponymischer Daten und hielt damit auch einen Schlussvortrag über ein Thema, das die beiden Tagungstage auf eine Weise bestimmt hatte, die erkennen ließ, dass hier ein allgemeines Bedürfnis nach weiterem methodischen und konzeptionellen Austausch besteht.

Inga Siegfried