Am 14. und 15. September 2015 fand in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz eine interdisziplinäre Tagung unter dem viel versprechenden Thema "Rufnamen als soziale Marker. Namenvergabe und Namenverwendung" statt. Veranstaltet und organisiert wurde die Tagung von Damaris Nübling, Stefan Hirschauer, Miriam Schmidt-Jüngst und Anika Hoffmann in Verbindung mit der Mainzer Forschergruppe "Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung".

Die Vorträge waren sehr breit und interdisziplinär angelegt. Nicht nur Vertreter der Onomastik, sondern vor allem auch Sprachwissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Historiker und Pädagogen kamen zu Wort. Am ersten Tag dominierten Vorträge zu "Namenwechsel und Geschlecht" (Christof Rolker, Cornelia Eilenstein, Miriam Schmidt-Jüngst), "Pränatale Namengebung und soziale Geburt" (Dominik Feith, Anika Hoffmann, Anne Zastrow) sowie die kontrastive Betrachtung von Rufnamen. Vertreter der Mainzer Forschungsgruppe "Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung" stellten Untersuchungen im Projekt "Onymische Grenzmarkierungen: Die Selbstbenennung von Trans*personen" vor. Geschlechtsneutrale, offizielle und inoffizielle Namen in Deutschland, Schweden und in den Niederlanden (Mirjam Schmuck, Emilia Aldrin, Katharina Leibring) sowie Funktionen von Vornamen im diachronen Vergleich in Japan (Anja Collazo), das Namensystem und Namengebung bei den Dàgàrà in Ghana (Sebastian K. Bemile) und die Vornamengebung auf den Balearen aus soziolinguistischer Perspektive (Sandra Herling) waren weitere Themen am ersten Tag.

Am zweiten Tag folgten Vorträge zu den Themenkomplexen "Medialität von Rufnamen" - Rufnamen in Markennamen (Elke Ronneberger-Sibold/Sabine Wahl), inoffizielle Personennamen in Gratulationsanzeigen (Petra Ewald) und Rufnamen in Gravuren und Graffiti (Birgit Kochskämper), "Namen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit" - Namenvergabe aus familienhistorischer und Familiensoziologischer Perspektive (Dorett Funcke), Staatliches und gesellschaftliches Interesse an Personennamen (Inga Siegfried), Nicknames in der computervermittelten Kommunikation (Jörg Bücker), Kosenamen in Liebesbriefen (Antje Dammel/Eva Wyss), "Strukturelle (Geschlechts-) Differenzierung von Rufnamen" (Amaru Flores Flores, Rüdiger Harnisch) sowie "Soziale Faktoren der Rufnamenvergabe und ihre Wahrnehmung" (Astrid Kaiser, Thomas Liebecke, Anja Bruhn).

Bedauerlich ist, dass der Themenkomplex "Soziale Faktoren der Rufnamenvergabe und ihre Wahrnehmung" mit nur drei Vorträgen stark unterrepräsentiert war und am Ende der Tagung präsentiert wurde. Der Vortrag von Astrid Kaiser zum Einfluss der sozialen Wahrnehmung von Vornamen und Vorurteilen in der Schule wurde heftig diskutiert, da die Resultate der Studie teilweise überbewertet werden. Thomas Liebecke stellte seine Onogramme vor, die soziale Markierungen in Vornamen sichtbar machen, und Anja Bruhn präsentierte einen Ausschnitt soziologischer Ergebnisse der Vornamenforschung auf Basis des SOEP.

Die Tagung gab einen Überblick über Rufnamen als Träger vieler sozialer Informationen, von denen einige wie das Geschlecht besonders hervorgehoben wurden. Andere Informationen wie die soziale Schicht, der Bildungshintergrund, Herkunft und regionale Unterschiede wurden leider wenig oder gar nicht betrachtet. Namenvergabe und Namenverwendung spielten vor allem in der pränatalen Phase, bei transidenten Personen, im inoffiziellen Bereich und in der Öffentlichkeit eine Rolle. Die Thematik der sozialen Faktoren der Vornamengebung und die Wahrnehmung von Rufnamen sollte in jedem Fall weiter untersucht und entwickelt werden.

Gabriele Rodríguez