Zum Thema "Die Bereicherung des Deutschen durch Aufnahme von Familiennamen infolge Zuwanderung  – dargestellt am Beispiel deutscher und jüdischer Neubürger in einer  Großstadt Sachsens" hielt Prof. Dr. Karlheinz Hengst (Namenkundliches Zentrum der Universität Leipzig) am 1. Juni 2016 an der Universität Leipzig einen Vortrag. Der Workshop wurde von der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung e.V. organisiert, die Studenten des Wahlbereiches Onomastik, Namenforscher und interessiertes Publikum herzlich dazu eingeladen hatte.

Zum Inhalt (Text von Karlheinz Hengst):

Seit mehreren Jahrzehnten beobachten wir einen Zustrom an Bürgern aus verschiedenen Regionen Europas sowie auch aus entfernt gelegenen Ländern. Damit verbunden kommen zu den aus der Vergangenheit vor allem seit dem 19. Jahrhundert vertraut gewordenen Familiennamen (FN) z. B. aus den benachbarten slawischen Ländern Polen und Tschechien nun völlig neue FN aus vor allem nichtindoeuropäischen Sprachen. Mancher dieser Namen ist durch seinen Träger bereits weithin bekannt, so z. B. der des Fußballspielers Mezut Özil. Durch die Reportagen in TV-Sendungen ist auch die korrekte Aussprache bekannt geworden und das <z> wird abweichend vom deutschen Usus nicht als /ts/, sondern als /s/ artikuliert.

Andererseits begegnen die meisten "neuen FN" aber vor allem über das Schriftbild. Es ist folglich ganz normal, dass völlig ungewohnte Namen wie etwa Gökay Sofuoglu (Name des Vorsitzenden der türkischen Gemeinde in Deutschland) sich nicht so leicht wie die seit alters her bekannten deutschen FN lesen oder gar merken lassen. Letzterer FN bietet zwar im Deutschen keine Schwierigkeiten bei der Aussprache, enthält aber mit <uo> eine graphotaktische Neuerung: Das unmittelbare Nebeneinander der Phoneme /u/ und /o/ kennt das Deutsche bisher nicht, dementsprechend ist die Graphie <uo> in einem Namen gänzlich neu.

Solche Neuerungen sind nun in unserer Zeit in sehr umfangreichem Maße zu erwarten. Sie sind auch schon bei den Spätaussiedlern deutscher Herkunft aus der früheren Sowjetunion zu beobachten. Da zu diesem Integrationsprozess von FN vor allem seit Anfang der 90er Jahre Material verfügbar ist, soll nachfolgend ein Überblick geboten werden, welche Bereicherung das Deutsche im Bereich der FN bereits seit mehr als zwanzig Jahren erfahren hat. Bei der Lektüre wird auch erkennbar werden, dass es sich immer wieder um meist gar nicht allgemein bekannte FN handelt, eine "Verfremdung" oder die Gefahr der "Überfremdung" nicht besteht, aber eben vom vertrauten deutschen Schriftbild bei FN auch in die Augen springende Abweichungen in der Graphie sowie auch ganz neue FN-Formen zu registrieren sind.

1. Quantitative Angaben zu FN der Spätaussiedler

Nach zentralen Angaben zur Zahl der Spätaussiedler bei Rückkehr nach Deutschland lässt sich im Hinblick auf die FN-Gesamtzahl dies ermitteln:

FN a) deutscher und b) jüdischer Aussiedler aus der ehem. UdSSR

a) 1950 bis 2010: 2.237.633 Spätaussiedler insgesamt, b) 1993 bis 2007: etwa 1,5 Mill.

Davon insgesamt unterschiedliche FN vermutlich deutlich unter 2 Mill. Was ergibt ein Materialausschnitt für eine Großstadt?

a) FN deutscher Aussiedler 1993 - 2007 in der sächsischen Großstadt Chemnitz - insgesamt rund 1.800 FN, b) FN jüdischer Aussiedler 1994 bis 2007 in Chemnitz - nochmals rund 1.500 FN

∑: insgesamt 3.300 Personen mit ihren FN

2. Welches Bild bieten die deutschen FN von Neubürgern in Chemnitz?

Es lassen sich die FN nach dem Erscheinungsbild in der Schrift gruppieren:

2.1 Einsilbige FN

Blum, Bock, Groß, Haas, Hecht, Jahn, Kern, Koch, Mundt, Rau, Schmidt und Schnur ... - Zwei-/mehrsilbige FN wie Oberdorfer, Rauscher, Reinhard, Decker, Diener, Distel, Eckardt, Fischer, Grimmig, Hildebrandt, Ickert, Kaiser, Keller, Ruppel, Weber ...

Diese FN sind unauffällig. Sie sind mit den deutschen FN der Einheimischen identisch.

2.2 Andere deutsche FN mit Auffälligkeiten

Berngardt, Rajngardt // <g> für <h> und <aj> für <ai> oder <ei>Dekker // <kk> für sonst <ck>Ejsler, Gejbel, Klejn, Kajzer, Majer // <ej> für <ei> , <aj> für <ai>, <z> für <s>Gildebrandt, Gofman // <g> für <h>Krimih // <k> statt <g> , <h> für <ch> (in gesprochen [ich], Smidt, Snur, Srajber // <s> statt <sch> und <aj> für <ei>Tirbah, Tirbach // <h> für <ch> Virt, Wirc, Volf usw. // <v> für <w> und <c> für <ts>

Das sind sämtlich zumindest partiell neue dt. FN. Sie sind in ihrer Lautung vertraut, aber besitzen ein ganz neues Schriftbild.

3. Ursachen für das Aufkommen solcher neuen FN-Formen

Warum zeigen die FN von Neubürgern solch gravierende Abweichungen? Die Antworten sind zu suchen in der Geschichte mit dem Wechsel der sprachlichen Umgebung:

- 18./19. Jh.: Erfassung in Russland - nach der Aussprache durch die Namensträger, wohl nur ganz selten nach einem Dokument

- 20. Jh.: Rückkehr mit Reisepass + Erfassung in Dtschld.

- nach vor der Ausreise aus SU eingetragenem FN im Pass

- in den Schriftsystemen - ausschlaggebend im 18./19. Jh. das kyrillische Alphabet, aber bei Eintrag in den Reisepass im 20. Jh. das international gebräuchliche englische Transliterationssystem.

4. Sprachwissenschaftliche Kennzeichnung der Vorgänge

4.1 Welche sprachlichen Prozesse lassen sich beobachten?

Zwei Anpassungsvorgänge + ein Übernahmeprozess: Im 18./19. Jh. wurden die dt. FN in Russland an das dortige Phonemsystem angepasst und verschriftlicht (Kyrillica) = Anpassungsvorgang in Aussprache und Schriftform als zunächst erster Adaptationsprozess. Vor Ausreise aus GUS-Staaten erfolgte Eintrag der jeweiligen FN-Form in den Reisepass in Latinica = amtliche Namensform nun in Transliteration nach englischem (vereinzelt auch französischem) Vorbild (Tabelle) mit den Entsprechungen für die kyrillischen Buchstaben = Anpassungsvorgang hinsichtlich Schriftform = zweiter Adaptationsprozess. Diese amtliche Form im Reisepass wurde von deutschen Einwanderungsbehörden übernommen - erscheint als "neuer" deutscher FN.

4.2 Welche Bereicherung ist in der Schreibung von deutschen FN nunmehr eingetreten?

Linguistisch handelt es sich um "freie Graphotaktik", das bedeutet: Die bisherigen Regeln für die Kombination von Schriftzeichen wurden deutlich erweitert:

<aj> und <ej> für bisher deutsch <ai> und <ei>, <c> für <z> <g> für sonst an- und inlautend <h>, <h> für sonst auslautend <ch> oder <g>, <kk> für sonst inlautend <ck> <s> für <sch>, <v> für anlautend <w>, <z> für inlautend <s>

∑: neue Graphem-Phonem-Relationen sind im Deutschen entstanden: - bisher unbekannte Grapheme wie <kk> (sogen. Digraphen für ein Phonem) - neue Graphemkombinationen wie <aj> usw. - "Freie Graphotaktik" = im Deutschen übliche kombinatorische Regeln gelten nicht mehr bzw. werden aufgehoben und deutlich erweitert.

5. FN ostslawischer Herkunft bei deutschen Neubürgern

Infolge der über die Jahrhunderte eingetretenen Eheschließungen mit Trägern russischer FN sind von den Aussiedlern deutscher Nationalität auch ostslawische FN mitgebracht worden. Es folgt eine Auswahl von FN zur Betrachtung von "links nach rechts" - gruppiert nach Auffälligkeiten:

5.1 Anlautpositionen:

Dmitriew <Dm>, Tjumenzew (bisher vereinzelt z. B. Tjarks als friesischer FN) <Tj>, Pschenow (bisher vereinzelte FN wie Pscherer, Pschorn verstärkend) <Psch>

Diese neuen FN im Deutschen zeigen freie Graphotaktik. Andere FN ohne Stütze im Dt. werden immer Schwierigkeiten in der Aussprache bereiten, wie Cernobuk <C> für <Tsch> Zajcev, Zelenkova, Zubakov <Z> für sth. <S> Zhuk <Zh> für sth. <Sch>.

Bei diesen FN ist eine gänzlich neue deutsche Aussprache zu erwarten.

5.2 Inlautpositionen:

Korcagina, Pecenkina <c> für <tsch>Prohorov, Sahov, Amirhanjan <h> für <ch>, Gnilozub, Kozlov <z> für sth. <s>, Sapozhnik, Ryzhkova <zh> für sth. <sch>, Mahomashanov <sh> für <sch>, Nepomnjascaja, -ij, Zaporoscenko <sc> für <schtsch>Savva <vv> für <w>. Auffällig ist nicht nur freie Graphotaktik. Außerdem kann der FN Kozlov bei dt. Aussprache [kotslof] anstößig wirken.

5.3 Auslautpositionen

Was in den Auslauten ist anders als bisher bekannt?

Gulovic, Radzevic, Spiridovic // <-ic/-vic> statt bisher < ítz>, Natalosnij, Plochij, Dubowickij // <-ij /-kij/-nij > statt bisher <i>, <ki), Zuravskij u. Zadorozhnij Bujnizkaja, Plochaja u. Zadoroznaa, Podoroznaa <-aa> statt <aja>.

∑: Erweiterung der grammatischen Endelemente bei den FN im deutschen Sprachraum der Gegenwart Vereinzelte Erscheinungen wie <-ya> in Donya oder <-yl> in Kopyl sowie <-ul> in Schmigul blieben h i e r unberücksichtigt.

6. FN bei Neubürgern jüdischer Abstammung

6.1 Allgemein besteht Übereinstimmung mit FN von deutschen Neubürgern = Spätaussiedlern (vgl. oben unter Pkt. 2.). Dazu einige Beispiele:

Cleinerman, Dikman, Eydelman, Lantsman, Shvartsman, Tsinman .. Epshteyn, Fishbeyn mit <sh> für <sch> und <ey> für <ei>Erlikh mit <kh> für <ch>

Es sind dt. FN in neuer Form mit z. T. - veränderten Endelementen - und Graphien mit Abweichungen vom traditionellen deutschen Schriftbild.

6.2 FN ostslaw. Prägung (Xenonyme) mit "neuen" Graphien und Graphem-Phonem-Relationen im An- und Inlaut:

Bakhrakh, Balikhin mit <kh> für <ch>Bahramov, Iohin, Saharova mit <h> für <ch>Cheljadin, Kanyuchenko mit <ch> für <tsch>, Badyan, Yakubov mit <y> für <j> (oder <ya> für <ja>), Andriyenko, Sergyeyeva, mit <ye> für <je>, Yegerova mit <Ye> für <Je>Kanyuchenko mit <....> für <....> und <ch> für <tsch>Basistyy, Khorolskyy mit <Kh> für <Ch> und <yy> für <ij>, Chernyavskyy mit <Ch> für <Tsch>, <ya> für <ja> usw., Ilyevskiy, Isadskiy mit <iy> für <ij>Bogomazov, Khaziner, Reznikova mit <z> für <s> (stimmhaft), Ryzhkova, Sapozhnik mit <zh> für <sch> (stimmhaft)

Xenonyme mit neuen Graphem-Kombinationen im Auslaut:

<aya>: Braginskaya, Braslavskaya, <ya>: Kryvulya, <yan>: Futoryan, <yev>: Guliyev, <yova>: Bogatyryova, <yuk>: Fedosyuk.

Die Grapheme <ya>, <ye>, <yo> und <yu> beruhen auf Transliteration von kyrillisch я für gesprochen [ja], ю für [ju], ё für [jo], e für [je].

Markante Erweiterung der Endelemente durch FN jüdischer Neubürger:

-aia: Belazovscaia, Choumskaia, -akh/-yakh: Bakhrakh, Blyakh, -yak: Brusnyak, -iya: Shengeliya, -chuk: Sleponchuk, -skyy: Potiyevskyy, Volodarskyy, -skaya: Braslavskaya, Lipovetskaya, -styy: Basistyy, -ukha: Romanukha, -vich/-vitch: Bassovich, Gershkovich sowie Tsilevitch

7. Die wichtigsten künftig zu beachtenden graphischen Besonderheiten bei den neuen FN im Deutschen

7.1 Endelemente:

-aa und -aya für /aja/, -akh für /ach/, -ij für /ī/, -iy für /ī/, -yy für /ī/, -iya für /ija/,  -ikh für /ich/, -ich für /itš/,  -yak für /jak/, -yuk für /juk/, -yan für /jan/, -yev für /jew/, -yov für /jow/, -ych für /ich/

7.2 Neue Kombinationen an- und inlautend:

<ya> <ye> <yo> <yu> für /ja/ /je/ /jo/ /ju/

7.3 Grapheme mit eigentlich neuem Lautwert

<c> für /ts/ <z> für /s/ <h> und <kh> für /ch/, <ch> für /tš/ gesprochen [tsch] <sh> und <zh> für /š/ bzw. /ž/ gesprochen [sch] stl./sth.

8. Resümee:

Das grammatische Verhalten der neuen dt. FN ostslawischer Herkunft unterscheidet sich markant von den FN aus slawischen Sprachen in früheren Jhh. Vgl. dazu die nachfolgende kurze Übersicht zu den Endelementen:

FN < Poln.: -acz, -icz/-ycz, -ak, -ek, -(n)ik, -alla, -ski/-owski, -ka, -ke (Czopek OL 6.2, 190-193)

FN < Tschech.: -(sk)y, -al, -il,-ak, -ek, -ik, -ka, (Eichler OL 6.2, 222-224)

FN < Aplb.: -isch, -osch, -ek, -laff, -wanz (Müller OL 6.2, 166/167)

FN < Sorb.: -atsch, -ak, -ik, -ar, -asch, -isch, -enz, -ke < -k, -ka, -ko (Wenzel OL 6.2, 176-179)

FN < Ostslaw.: russ. -in, -ow/-ew, -itsch, -ski, ukr. -enko, -juk, wruss. -oj, -aj, -ej (Kremer OL 6.2, 230-232, 247/248)

FN < Südslaw.: vgl. Angaben von H.-D. Pohl, U. Büttner und U. Obst in OL 6.2 , 251-321

(OL 6.2 = Familiennamen aus fremden Sprachen im Deutschen. Onomastica Lipsiensia Bd. 6.2. Leipzig 2011)

Das periphere Graphem <y> wird im Deutschen nun häufig für <j> und <i>.

Neue Graphem-Phonem-Korrelationen:

<h> u. <kh> für /ch/ - bisher <ch>, <ch> für /tš/ <tsch>, <c> für /ts/ <z>, <z> für sth. /s/ <s>, <zh> für sth. [sch] <sch>, <sh> für stl. [sch] <sch>.