Am 1. und 2.Oktober 2015 fand in Heidelberg, am Germanistischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität, im Palais Broisserée, die Tagung „Namen und Geschichte am Oberrhein“ statt. Sie wurde ausgerichtet vom Europäischen Zentrum für Sprachwissenschaften/Germanistisches Seminar in Verbindung mit der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Organisatoren waren Prof. Dr. Jörg Riecke, der als frisch gebackener Dekan der Neuphilologischen Fakultät auch die Eröffnung übernahm, und Prof. Dr. Albrecht Greule, Universität Regensburg.

Durch krankheitsbedingte Absagen schrumpfte die Zahl der Vorträge von 19 auf angenehme 15 zusammen. Abgesagt wurden die Vorträge von Jacqueline Reber (Basel): Solothurner Namenbuch; Jürgen Mischke (Basel): Namen und ihre Geschichte in der (Stadt-)Geschichte. Das Beispiel Basel; Andrea Emundts (Saarbrücken): Die frühen elsässischen Ortsnamen; Christa Jochum-Godglück (Saarbrücken): Siedlungsnamen auf -heim im Raum Worms und Helmut Castritius (Braunschweig): ‚An den (in) Bavallern‘. Ein mysteriöser Arheilger Flurname?

Hinzu kam dafür gegenüber dem in der letzten Septemberwoche noch auf der GfN-Seite zugänglichen Programm der Vortrag von Albrecht Greule: Angreth/Annegray – ein keltischer Ortsname diesseits und jenseits der Vogesen? Er erwägt für im 7. Jh. in der Vita Columbani bezeugtes Anagrates > Annegray (Dép. Haute-Saône) eine Vorform kelt. *Aneg-o-r?ti- ‘Schutz-Burg’ und stellte zur Diskussion, ob diese Vorform auch für Angreth, ein östlich der Vogesen bei Gebweiler/Guebwiller (Dép. Haut-Rhin) abgerissenes Schloss, gelten könne.

Den Auftakt der Tagung bildete der Programmteil zu den Personennamen. Hier sprach zunächst Dieter Geuenich (Duisburg) über Alemannische Personennamen (4.–9. Jh.). Probleme ihrer Erfassung, Überlieferung und ethnischen Zuordnung. Er wies ausdrücklich auf die Problematik hin, in jener Zeit auch aufgrund der Eigenheit Quellen (meist Texte in Verbindung mit Klöstern, deren Mitglieder aus verschiedensten Regionen kommen konnten, bzw. in deren Texten wie Verbrüderungsbüchern, deren Listen durchaus auch Mönche aus Klöstern in Frankreich und Norditalien verzeichneten, überhaupt Alemannen als „ethnische“ Gruppe zu isolieren. Ebensowenig erweist sich gegenüber früher oft vorgenommenen Einteilungen auch eine sprachliche Zuordnung germanischer Namen zu einem bestimmten „Stamm“ als letztlich unmöglich.

Sabine von Heusinger (Köln): Familiennamen in Straßburger Zunftfamilien führte anhand spätmittelalterlicher Quellen deutlich vor Augen, dass trotz der potentiellen Vererbbarkeit des Gewerbes, bereits in dieser Zeit weder der Familienname Rückschlüsse auf das Gewerbe einer Person zuließ, noch bestimmte, noch sich eine Korrelation zwischen Familiennamen und Zunftzugehörigkeit feststellen ließ.

Hans Ramge (Gießen): „Bald gras' ich am Neckar, bald gras' ich am Rhein“ – Hessische Familiennamen zwischen Main und Neckar führte anhand der Darstellung der Verbreitung einer Auswahl von für den südhessischen Raum, besonders den Odenwald, typischen Familiennamen sein Konzept eines Namenraums vor. Frappant war in der Tat die bei den vorgeführten Namen fast als unüberschreitbar sich erweisenden Flüsse Rhein und Main.

Rudolf Steffens (Mainz): Johann Adam Medardt und Margaretha Medardtin (1772): Weibliche Familiennamen unter besonderer Berücksichtigung der Pfalz führte die besonders in der Pfalz und angrenzenden Gebieten deutlich von Nordwesten nach Südosten gestaffelten Verbreitungsgebiete der in Familiennamen auftretenden Motionssuffixe -se, -sen, -en samt ihren Vorformen vor.

Kathrin Dräger (Mainz) / Konrad Kunze (Freiburg): Der Oberrhein im Deutschen Familiennamenatlas erbrachte als zentrales Ergebnis, dass das Oberrheingebiet in Hinsicht auf die Familiennamen keinerlei ausgeprägte Charakteristik zeigt. Der Vortrag war v.a. deshalb interessant, weil die sich daran anschließende Diskussion einiger der vorgeführten Karten deutlich die Verschiedenheit im Denken von Historikern und Sprachwissenschaftlern aufzeigte.

Rembert Eufe (Regensburg): Wertvolle Belege aus einer quellenarmen Zeit: Ortsnamen des Oberrhein-Gebiets auf merowingischen Monetarmünzen führte den Zuhörern deutlich die Möglichkeiten und Grenzen bei der Beschäftigung mit dieser Quellengattung anhand einiger ausgewählter Exemplare vor Augen.

Zeitlich und thematisch ein wenig aus dem Rahmen fiel Rolf Max Kully (Solothurn): Oberrheinische Geschichte im Spiegel von Johann Peter Hebels Werk und Briefen. Der Vortrag präsentierte unter weitgehender Vernachlässigung der Beschränkungen der Redezeit in erster Linie Hebels Beobachtungen zu den Napoleonischen Kriegen.

Inga Siegfried (Basel): Vom Dorenbach bis zum Forum. Die Spezifik städtischer Ortsnamenforschung am Beispiel von Basel zeigt an zwei Beispielen, dem letztlich von einer Privatfirma gekauften Straßennamen Forum und dem wohl am ehesten als 'Torbach' zu verstehenden Dorenbach Möglichkeiten und Schwierigkeiten bei der Erforschung von Namen in Städten.

Thomas Zotz (Freiburg): Zur Neuschöpfung und Dynamik politischer Raumnamen. Beispiele vom südlichen Oberrhein zeigte anhand v.a. der Raumnamen Suevia, Alamannia, Breisgau und Elsass auf, wie sich die Verwendungsweisen und Bezugsgrößen solcher Raumnamen im Laufe der Zeiten ändern können.

Wulf Müller (Neuchâtel): Zur Ortsnamenforschung im Elsass kann als Weckruf verstanden werden: Eine seriöse Ortsnamenforschung bezüglich des Elsass scheint momentan praktisch nicht zu existieren. In der Diskussion wurde deutlich, dass etwa an der Abfassung eines Ortsnamenbuchs des Elsass zwar größtes Interesse besteht, aber vorläufig unklar bleibt, wie und mit welchen Kollegen auf der französischen Seite dies zu bewerkstelligen sein könnte.

Wolfgang Haubrichs (Saarbrücken): Romanisierungen in merowingisch-karolingischen Urkunden aus dem Elsass zeigte mit gewohnter Datenfülle und Faktenfestigkeit auf, welche lautlich anzunehmenden und in der schriftlichen Wiedergabe auch repräsentierten Romanisierungen germanischer Namen in Urkunden des 8. Jh.s aus dem Elsass begegnen können.

Volker Rödel (Karlsruhe/Heidelberg): Der Berg- und Flurname Kallmuth/Kalmit und der Weinbau zeichnete anhand von 35 Orts-, Berg- und Flurnamen des genannten Typs von Belgien bis ins Maingebiet, die letztlich alle auf lat. calvus mons 'kahler Berg' zurückgehen, eine Entwicklung nach, die letztlich dazu führte, dass diese Bezeichnung eines unbewaldeten Hügelrückens schließlich zur Bezeichnung des unterhalb des Rückens gelegenen Weinbergs wurde und in dieser Bedeutung dann auch (zu welcher Zeit, bleibt unklar) in die nie romanisiertem Gebiete am mittleren Main exportiert werden konnte.

Den Beitrag von Stefan Hackl (München): Das Heidelberger Projekt Historisches Ortsnamenbuch Baden-Württemberg (HOBW) trug ebenfalls A. Greule vor, da Herr Hackl wegen der bevorstehenden Geburt seines Kindes nicht anwesend sein konnte. Er stellte den Plan eines auf zwei Bände angelegten Namenbuchs der Gemeinde- und Stadtnamen Baden-Württembergs vor, also eines Werks, das sich hinsichtlich der Lemma-Struktur an die Arbeiten Reichardts, hinsichtlich des Auswahlkriteriums der Lemmata (Gemeindenamen im weiteren Sinne) eher an die Arbeiten Wolf-Armin Frhr. von Reitzensteins zu Altbayern und Franken anlehnen würde. Dieser letzte Beitrag war wohl der am intensivsten diskutierte. Es zeigte sich hier bereits vorab, dass man es mit einem derartigen Buch nie allen wird recht machen können. Andererseits aber an solchen nicht nur einen Landkreis abdeckenden Arbeiten, die sich auch an ein breiteres Publikum wenden, durchaus Interesse besteht.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass diese Tagung in vielerlei Hinsicht Anregungen geboten hat, aus denen sicherlich noch diverse die bisherigen Forschungen ergänzende Arbeiten hervorgehen werden. Auf den hoffentlich im kommenden Jahr erscheinenden Sammelband zur Tagung darf man schon jetzt gespannt sein.

Die Tagung kann man insgesamt nur als Erfolg bezeichnen, nicht zuletzt hat dazu auch das Mitarbeiterteam von Jörg Riecke beigetragen, das die Teilnehmer perfekt umsorgte. Allen, die am Gelingen der Tagung beteiligt waren, sei hiermit noch einmal gedankt.