Größere internationale wissenschaftliche Kongresse dienen dem persönlichen Kennenlernen, dem Wiedersehen, touristischen Interessen, im Idealfall der wissenschaftlichen Diskussion. In den meisten Fachgebieten gibt es Interessenvertretungen (Gesellschaften), die derartige Veranstaltungen anregen oder organisieren, oft auch eigene Fachzeitschriften herausgeben. Für die internationale Namenforschung ist der ICOS seit den von Albert Dauzat in Frankreich (Kongresse in Paris 1938 und 1947)ausgehenden Bemühungen seit 1949 zu einer zentralen Institution geworden. Im dreijährigen Rhythmus finden internationale Namenforschungskongresse statt, bisher (einschließlich der Pariser Kongresse) 26. Problematisch ist die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift (Onoma). Einen Überblick findet man unter www.icosweb.net/drupal/history-of-icos). Die lange Geschichte dieser Institution ergäbe eine interessante Publikation, nicht nur mit Namen, Zahlen und Fotos, sondern gerade auch zur europäischen Wissenschaftsgeschichte der Nachkriegszeit.

In Deutschland haben bisher drei dieser Kongresse stattgefunden: München 1958, Leipzig 1984 und Trier 1993. (Der Plan eines Jubiläumskongresses 2014 in Leipzig konnte aus logistischen Gründen nicht weiter verfolgt werden.) Ist die Leipziger Veranstaltung aus politischen Gründen hervorzuheben, so kommt dem Trierer Kongress (12. bis 17. April 1993) aus „vereinstechnischen“ Gründen, aber auch wegen seines wissenschaftlichen Umfangs eine besondere Bedeutung zu. Organisiert wurde er im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts Patronymica Romanica (PatRom) und war damit eigentlich ein „romanischer“ Kongress (wie später in Santiago de Compostela, Pisa und Barcelona, alle auch im patromianischen Zusammenhang). Eingeschrieben waren 395 Teilnehmer aus 43 Ländern – mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Mitteleuropa, inzwischen hat sich das deutlich verschoben; von den 291 angekündigten Referaten wurden 251 in den (leider verzögert erschienenen) Kongressakten abgedruckt, zuzüglich ausgewählter Beiträge der nicht publizierten Akten des Kongresses in Ann Arbor (1981).*

Wissenschaftsgeschichtlich bedeutet der Trierer Kongress einen Wendepunkt, deshalb „25 Jahre neuer ICOS“. Nach langjährigen Bemühungen und teils heftigen Diskussionen wurde die Umwandlung und Neustrukturierung dieser wissenschaftlichen Organisation beschlossen. Durch den Austausch der Bezeichnung Committee durch Council wurde eine geschlossene Delegiertenorganisation zu einer internationalen, allen Interessierten offen stehenden Gesellschaft. Oder, wie es auf der Homepage des aktuellen ICOS heißt:

Der International Council of Onomastic Sciences (ICOS) ist die internationale Organisation aller Forscher, die sich mit Namen (Ortsnamen, Personennamen und sonstigen Eigennamen) beschäftigen. Ziel der Organisation ist die Förderung, die Vertretung und die Koordination der Namenforschung auf internationaler Ebene und im interdisziplinären Zusammenhang. Diese neue Vertretung löst das alte International Committee of Onomastic Sciences ab, das als ‘geschlossene Gesellschaft’ ausschliesslich Vertreter eines Landes kooptierte und Einzelforschern nicht offenstand.

Gleichzeitig wurde die Organisation der Kongresse geändert. Anstelle von ICOS sind die lokalen Veranstalter in enger Abstimmung mit dem ICOS für die Durchführung verantwortlich; Kongresspräsident ist z.B. nicht automatisch der ICOS-Präsident. Auch die Zeitschrift Onoma erhielt eine neue Ausrichtung. Stand bis dahin die bibliographische Information durch die erwünschte Zulieferung durch die Mitglieder im Vordergrund (was im Zeitalter der Digitalisierung obsolet geworden war), so wurde die Zeitschrift Onoma als offizielles Jahrbuch des Verbandes im Prinzip nun als eine Zeitschrift für „aktuelle Forschungsberichte aus allen Bereichen der wissenschaftlichen Namenforschung und Grundsatzartikel“ konzipiert. Offizielle Sprachen des ICOS sind Englisch, Französisch und Deutsch, später auch Spanisch; das für das „alte“ ICOS wichtige

Russische (die Kongresse wechselten regelmäßig zwischen „kapitalistischen“ und kommunistischen“ Staaten) wurde 1993 ebenfalls an den Rand gedrängt. Die Zeitschriftenproblematik hat man aber in der Folge nie richtig in den Griff bekommen. Gleiches gilt etwa für die Erstellung einer allgemein praktizierten internationalen Namenterminologie, hier hatte bereits 1989 in Barcelona eine gemischte ICOS/PatRom-Gruppe getagt.

Das war vor 25 Jahren, Anlass für eine kleine Rückschau. Der aktuelle International Council of Onomastic Sciences muss in einer für die Organisation von Verbänden und Veranstaltungen eher schwierigen Zeit vorwärts schauen. Ein Blick zurück in die Geschichte kann allerdings nie schaden. Das gilt natürlich ebenso für kleinere Gesellschaften wie die unsrige, mit einer ebenfalls eher komplizierten, allerdings nicht so alten Vergangenheit.


*Onomastik. Akten des 18. Internationalen Kongresses für Namenforschung (Trier, 12.-17. April 1993):

Band I: Chronik, Namenetymologie und Namengeschichte, Forschungsprojekte, in Zusammenarbeit mit Maria Giovanna Arcamone herausgegeben von Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 2002 (= Patronymica Romanica 14), XXXIV+366 S.

Band II: Namensysteme im interkulturellen Vergleich, in Zusammenarbeit mit Rudolf Śrámek herausgegeben von Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 2000 (= Patronymica Romanica 15), 313 S.

Band III: Namensoziologie, in Zusammenarbeit mit Friedhelm Debus herausgegeben von Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 1999 (= Patronymica Romanica 16), 299 S.

Band IV: Personennamen und Ortsnamen, in Zusammenarbeit mit Thorsten Andersson herausgegeben von Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 1999 (= Patronymica Romanica 16), 330 S.

Band V: Onomastik und Lexikographie ─ Deonomastik, in Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Chambon und Wolfgang Schweickard herausgegeben von Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 2002 (= Patronymica Romanica 18), VIII+369 S.

Band VI: Namenforschung und Geschichtswissenschaften, Literarische Onomastik, Namenrecht, Ausgewählte Beiträge (Ann Arbor, 1981), in Zusammenarbeit mit Monique Bourin, Wilhelm F. Nicolaisen und Wilfried Seibicke herausgegeben von Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 2002 (= Patronymica Romanica 19), IX+544 S.